4. – 6. Schuljahr

Jürgen Baurmann

Vater, Mutter, Kind?

Familienformen heute

In diesem Modell erfahren jüngere Lerngruppen, wie sich gesellschaftliche Veränderungen in einer Erweiterung des Wortschatzes zum Thema Familie widerspiegeln. Sie lernen unterschiedliche Familienformen kennen, tauschen sich über Anredepronomen aus und begreifen, dass die Familie als kleinste politische Einheit bereits Sprachhandlungen erfordert, die auch im öffentlichen Diskurs gebraucht werden.

Kinder und Jugendliche wachsen in Haushalten auf, in denen Erwachsene für sie sorgen, sie hoffentlich fördern und wertschätzen. Wie diese Familienformen heutzutage aussehen, hat sich in den letzten Jahrzehnten allerdings stark verändert. Laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamts (2016) sind in 70% der Fälle gemischtgeschlechtliche Ehepaare die Eltern. 20% aller Kinder leben nach Trennung, Scheidung oder Tod eines Partners bei einem alleinerziehenden Elternteil, während 10% der Heranwachsenden in „gemischt- oder gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften aufwachsen (Statistisches Bundesamt 2016). Kindern und Jugendlichen sind die beschriebenen Familienformen nicht fremd. Das belegen die schriftlichen Antworten von 20 Zwölfjährigen aus Niederösterreich und auch Äußerungen von Grundschulkindern.1 Wichtig ist vielen Mädchen und Jungen, dass Eltern und Kinder „füreinander da sind und dass sie selbst als Heranwachsende „Wärme, Liebe und Geborgenheit erfahren. Jugendliche bringen eine solche Wertschätzung auf den Punkt, wenn sie schreiben: „eine intakte Familie ist wichtig oder anschaulich ausgedrückt: „Ohne meine Familie wäre ich wie ein Topf ohne Deckel. Veränderungen zu Patchwork-Familien werden von den Schülerinnen und Schülern ebenso erwähnt.
In Anlehnung an den Basisartikel werden in diesem Modell folgende drei Aspekte berücksichtigt:
  • die aktuell gegebene Vielfalt von Familie mit Klärung und Erweiterung des hierfür relevanten Wortschatzes, wie er sich auch in der Familienpolitik spiegelt (zu sog. „Ressortwortschatz vgl. Basisartikel);
  • die reflektierte Wahrnehmung von Veränderungen in Familien am Beispiel der Stief- bzw. Patchwork-Familie (vgl. dazu den differenzierten Beitrag des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, 2013). Ein Ausschnitt aus der Kinder- und Jugendliteratur (Guus Kuijer: Wir alle für immer zusammen) veranschaulicht dabei auf eindrucksvolle Weise die emotionalen Herausforderungen, die für Kinder mit sich anbahnenden Veränderungen in Familien verbunden sein können (vgl. van Lierop 2014, S. 6). Die Erweiterung des Wortschatzes (Stiefbruder, Stiefvater, Stiefmutter u. dgl.) wird in diesem Teil der Unterrichtsreihe ebenso thematisiert wie der Austausch über den zunehmend variablen Gebrauch von Anredeformen der Kinder gegenüber ihren Eltern. Neben den vertrauten emotional gefärbten Ableitungen aus den Kategorienbezeichnungen wie Mama, Papa kommt auch die Anrede der Eltern mit deren Vornamen hinzu (vgl. Macha 1997).Wobei die zuletzt genannte Variante (Linke 2001, S. 383) als „Einebnung einer ursprünglich hierarchischen Struktur bzw. als eine „Form von begrifflicher Demokratisierung gesehen werden kann.
  • das Ansprechen und Erproben des Aushandelns als wichtige Grundlage des familiären Zusammenlebens. Rollenspiele zum Aushandeln bereiten den Gebrauch dieser Sprachhandlung im öffentlichen Diskurs vor, indem sich die Lernenden mit unterschiedlichen Sichtweisen und Einschätzungen von Parteien zum Thema Familie auseinandersetzen. Die gewählten Textausschnitte (Material 6) zeigen, dass die CDU Wesen und Wert heutiger Familien recht präzise erfasst, wohingegen sich andere Parteien mit Hinweisen auf Einzelaspekte begnügen: Die SPD auf wünschenswerte Veränderungen der ökonomischen Bedingungen, die AfD auf die Kernfamilie als Norm bei gleichzeitigen Vorbehalten gegenüber der Familienform „Alleinerziehende und die FDP, die bloß die „Ehe für alle sowie den „freien Zugang zur Reproduktionsmedizin...

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