9. – 13. Schuljahr

Eva C. Huller

Halb voll oder halb leer?

Framing und konzeptuelle Metaphern in der Politik

In diesem Unterrichtsmodell analysieren die Schüler politische Texte und Begriffe semantisch. Sie lernen die Effekte von Framing und konzeptionellen Metaphern kennen und wenden diese in der Rolle eines politischen Textschreibers selbst an.

In Platons Phaidros wird die Rhetorik als Psychagogie und damit über ihre Wirkung und Einflussnahme auf die Seele des Zuhörers bestimmt.1 Heute untersucht die Linguistik, wie durch Worte Konzepte, Meinungen und Haltungen bei Hörern bzw. Lesern entstehen. Zentralen Einfluss hat dabei die Wahl von Begriffen und Metaphern.2
Die persuasiven Mittel der Rhetorik werden gemeinhin in die sachlogischen und die affektsteuernden unterteilt. Idealerweise hofft man, mit logischer Argumentation sachbezogen Probleme zu erfassen und zu sinnvollen Lösungsansätzen zu gelangen. Wenn aber bis zu 98% aller Denkvorgänge unbewusst erfolgen (vgl. Gazzaniga, S. 21), so ist leicht verständlich, dass die hierauf wirkenden Mittel weit größere Bedeutung haben.
Schon die Wortwahl für einen Sachverhalt bestimmt den Akzent, den der „Sender ihm verleiht. Ein berühmtes Beispiel: Ist das Glas halbleer oder halbvoll? Im übertragenen Sinn: Wird ein Defizit wahrgenommen oder das noch Vorhandene bzw. bereits Erreichte?
Metaphorik kann Vorwissen oder auch körperliche Vorerfahrungen aufrufen und entsprechende Wertungen mit sich bringen: Steuerlast ist z.B. drückend und wird negativ, Steuerbefreiung ist erleichternd und wird somit positiv bewertet. Elisabeth Wehling spricht von konzeptionellen Metaphern und Framing. Bildhafte Frames sind Rahmen, die das Verstehen lenken. Politische Rhetorik bedient sich ihrer Wirkung, um den Leser oder Zuhörer zu überzeugen.
Intentionen
Das Unterrichtsmodell setzt Grundlagen der Rhetorik voraus: Aufbau einer Argumentation, Rhetorische Stilmittel und ihre Funktion sowie ein Grundverständnis bildlicher Ausdrucksweise.
In der Sequenz erkennen die Lernenden, dass Sprache und Denken nie objektiv sein können: Texte transportieren im politischen Bereich stets die Einstellungen des Redners und versuchen, die Einstellung des Rezipienten zu beeinflussen.
Dazu untersuchen die Schüler politische Texte, aber auch die Semantik einzelner Wörter. Sie analysieren deren Konnotationen und Assoziationen und ziehen ergänzend eigene Google-Recherchen heran. Sie erkennen, dass viele Wörter Wertungen über die Sache oder die Menschen, die sie bezeichnen, transportieren.
Politische Sprache zeigt politisches Denken an, das auf bestimmten Menschenbildern und Weltanschauungen gründet, durch die sich die politischen Parteien unterscheiden. Der Einsatz von Framing und konzeptuellen Metaphern ist ein wichtiges rhetorisches Mittel für die Überzeugung der Hörer bzw. Leser. Beim Schreiben politischer Texte werden vom Autor die Assoziationen beim Rezipienten mitbedacht, um Wertungen und Emotionen zu wecken. Ihre Erfahrungen als analysierende Rezipienten nutzen die Lernenden abschließend für das Schreiben eines eigenen politischen Textes.
Unterricht
Einführung: Framing und metaphorisches Sprechen
Anhand des Bildes vom „Halbvollen halbleeren Glases werden die Schüler mit dem Phänomen Framing vertraut. Bundeskanzlerin Angela Merkel benutzt die Metapher in einer Rede vor den Vereinten Nationen zur Armutsbekämpfung (Material 1 ). Die eine Hälfte der Klasse erhält den Originaltext, die andere einen leicht veränderten Text, in dem „halbvoll durch „halbleer ersetzt wird. Die Schüler erfahren nicht, dass ihnen unterschiedliche Texte vorliegen.
Wichtig ist, dass jeder Schüler für sich den Text liest und ohne Austausch mit Mitschülern Aufgabe 1 beantwortet. Danach wird der Durchschnittswert der beiden Gruppen berechnet. Zu erwarten ist, dass die Schülergruppe mit dem Originaltext die Wahrscheinlichkeit, dass es 2030 keine „absolute Armut mehr geben wird, höher einschätzt als Gruppe 2.
Aus der Diskussion im...

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