9. – 13. Schuljahr

Die Leipziger Meute: lebendige Geschichte für heute

Der 16-jährige Harro Jäger findet 1936 in seinem Heimatort Leipzig-Connewitz Anschluss an eine Clique politisch engagierter Jugendlicher, die nicht im nationalsozialistischen Strom mitschwimmen wollen. Von seinen Eltern enttäuscht, die zwar SPD-orientiert sind, aber längst resigniert haben, und entsetzt über die antisemitischen Ausschreitungen gegen seinen Freund Paul Seligmann, fühlt er sich in der Gruppe aus Jungen und Mädchen wohl, die – überwiegend aus dem Arbeitermilieu stammen. Sie eröffnen ihm eine neue Welt voller Gemeinschaft, Abenteuer und Orientierung. Da wird gezeltet und nach Wandervogelmanier gesungen, da werden erste Begegnungen mit Alkohol gemacht und Mädchen zaghaft geküsst, Beziehungen werden geknüpft und gelöst und in einer Absteige wird die erste gemeinsame Nacht mit seiner Freundin Käthe verbracht. Aber es werden auch verbotene Bücher gelesen, politisch diskutiert und in kleinen Aktionen Widerstand geleistet, z.B. indem eine Glosse verfasst und in Briefkästen geworfen wird. Weil sich die Jugendlichen durch ihre „Kluft abheben, erregen sie bald den Argwohn der Hitlerjugend. Sie geraten immer wieder in Händel und Schlägereien, stecken ein und teilen aus. Harro wird verhaftet, verhört und misshandelt (so beginnt der Roman) – und schließlich laufen gelassen. Doch statt seiner wird nun der Nachbarsjunge Heinrich von der Gestapo abgeholt und man ahnt, dass es bei ihm wohl schlechter ausgehen wird. So kann zwar Harro als Ich-Erzähler aus der Rückschau des Freigelassenen dieses bedeutsame Lebensjahr seiner persönlichen und politischen Reifung beschreiben, aber ein Happy End bedeutet das nicht.
Johannes Herwig hat in seinem Debut-Roman im fiktionalen Gewand ein historisch belegbares Phänomen beschrieben, nämlich die „Leipziger Meute, eine informelle Clique, die ähnlich den Edelweiß-Piraten und der Swing-Jugend eine Jugendbewegung war und wenige Jahre eine Art Gegenkultur gegen das vorherrschende System darstellte. Die zwischen 1937 und 1939 aktenkundigen ca. 1500 Mädchen und Jungen waren „meistens keine Widerständler mit klaren Plänen und Zielen (S.250), wie der Autor in Übereinstimmung mit der historischen Forschung im Nachwort erläutert, und sie vermochten, weil bald brutal zerschlagen, das NS-Regime nicht zu erschüttern. Aber sie zeigten, dass eben nicht die ganze Gesellschaft konform war, und lassen, gerade weil sie so normal und unheldenhaft dargestellt werden, über die Autonomie eines jeden Individuums nachdenken, sich politisch zu positionieren.
Herwig wollte keine Geschichtsstunde halten, sagte er in einem Interview, sondern ein zeitloses Buch schaffen und obwohl schon so viele zeitgeschichtliche Jugendromane existieren und obwohl es bereits große Erzähler historischer Ereignisse wie Klaus Kordon gibt, fiel Herwigs Buch tatsächlich sofort auf, wie Preise und Preisnominierungen beweisen. Das mag auch an der exzellenten Sprache liegen, die sich den unterschiedlichen Protagonisten perfekt anpasst (und damit aus dem Mund des Lehrerkinds Harro heute bei einigen Heranwachsenden Verständnisschwierigkeiten hervorrufen dürfte). Aber auch die ungemein anschaulichen, nicht abgegriffenen Bilder und Vergleiche lassen aufhorchen. Die relativ kurzen, ohne Umschweife darstellenden Kapitel ziehen beim Lesen in den Bann; man hätte lediglich einem so gut erzählten Buch einen ansprechenderen Titel gewünscht. Wer Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die bereits die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im Geschichtsunterricht behandelt haben, dürfte die ideale Leserschaft vorfinden, denn einige Anspielungen auf das Zeitgeschehen sind nur mit Vorwissen zu verstehen (oder müssen recherchiert werden).
Karla Müller
Leseprobe
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Gegen Mittag fing ich an, mich ernstlich zu langweilen. Ich hatte keine Lektüre eingepackt. Kein Karl May, kein Jules Verne, kein Jack London. Schade. Aber das passte vielleicht ganz gut. Ich war an einem...

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