10. – 13. Schuljahr

Lars Bender

„Happy End?

Diskutierendes Schreiben zu einer Novelle

Endet Kleists Novelle Die Marquise von O mit einem Happy End? Anhand dieser Frage und der kontroversen Interpretationsmöglichkeiten erarbeitet und reflektiert die Lerngruppe Textprozeduren des Diskutierens.

Der Operator Diskutieren umfasst Formulierungen in Aufgaben wie Erörtern Sie , Setzen Sie sich kritisch auseinander mit und noch einige andere (vgl. Basisartikel). Diskussionen entstehen, wenn kontroverse Auffassungen und Interpretationen vorliegen. Schülerinnen und Schülern begegnet das Diskutieren vor allem in der Form der „Erörterung literarischer oder pragmatischer Texte. In beiden Fällen gilt es, Position zu beziehen, d.h. sich zu positionieren, Argumente und Gegenargumente abzuwägen, die eigenen Ausführungen zu belegen und den Text funktional zu strukturieren. Dies sind Teilhandlungen, die den Operator und die didaktische Gattung prägen. Auf diese Teilhandlungen und Textprozeduren konzentriert sich das vorliegende Unterrichtsmodell.
Thematisch geht es zunächst um die von Heinrich v. Kleist in einem Journal publizierte Novelle Die Marquise von O .
Die Marquise von O
Die Marquise von O
Erzählt wird die Geschichte der ungewollten Schwangerschaft der Marquise, die in Kriegswirren auf der Zitadelle, die ihr Vater als Kommandant zu verteidigen hat, zunächst von einem russischen Offizier vor der Vergewaltigung durch die seine Soldaten gerettet, dann aber, nachdem sie in Bewusstlosigkeit gefallen ist, von ihm selbst geschwängert wird. Von der Vergewaltigung bemerkt sie nichts und behält den Offizier als ihren Retter in Erinnerung. Wegen der unehrenhaften Schwangerschaft von den eigenen Eltern verstoßen, sucht sie über eine Zeitungsannonce den Vater und verspricht ihm die Heirat. Als sich der Offizier daraufhin meldet, ist sie entsetzt und lehnt die Heirat ab. Da er aber sein Vergehen bereut und zudem die Marquise als seine Alleinerbin einsetzt, willigen die Eltern in die Heirat ein. Auch die Marquise stimmt, bei getrenntem Haushalt, der Ehe zu. Das treusorgende und aufrichtige Verhalten des Offiziers und sein anhaltendes Werben führen schließlich dazu, dass auch die Marquise sich ihm wieder zuwendet und die Ehe erneut bestätigt wird.
Die Novelle wird immer wieder als ein Beispiel für kontroverse Interpretationsmöglichkeiten herangezogen: Fügt sich die Marquise, genötigt durch die Vergewaltigung, durch den sozial unmöglichen Status einer alleinerziehenden Mutter und die ökonomische Abhängigkeit gezwungenermaßen in die Ehe? Oder nimmt sie gegen alle Konventionen ihr Schicksal in die Hand (z.B. durch die Annonce) und entscheidet selbstbestimmt in jeder Phase über den Fortgang ihres Lebens? Auch die übrigen Figuren sind kontrovers interpretierbar. Kleists Novelle zeichnet sich in besonderer Weise durch Leerstellen, Andeutungen und eine Diskrepanz von Leser- und Figurenwissen aus und bietet damit viele Anlässe, Textstellen und ihre Interpretationen zu diskutieren, z.B. die Frage, ob die Novelle einen glücklichen Ausgang hat. Auf der inhaltlichen Ebene sprechen die Erneuerung des Eheversprechens, die erneute Zuwendung und das „um den Hals Fallen der Marquise als Zeichen von Intimität, der vielfache Nachwuchs sowie die eigens erwähnte „glückliche Stunde dafür. Auf der sprachlichen Ebene sind es nicht zuletzt doppelbödige Übertreibungen oder Klarheiten wie diese, die den Leser an einem glücklichen Ausgang der Novelle zweifeln lassen. Auch die fehlende Inbezugsetzung des Endes mit allem Vorangegangenen motiviert die Diskussion unterschiedlicher Lesarten (vgl. z.B. Doering Hg. 1993). Insofern eignet sich die Novelle sehr gut für unterschiedliche Zugänge zum Operator Diskutieren. Veranschaulicht werden vier Teilhandlungen des Operators: Positionieren, Abwägen, Belegen und Strukturieren. Diese Auswahl wird durch die illustrierenden Prüfungsaufgaben und Bewertungen in den bundesweiten Abiturstandards legitimiert....

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