8. – 10. Schuljahr

Stefan Emmersberger

Die Frage nachdem Warum

Zum textanalytischen Potenzial kausaler Textprozeduren

Wieso handelt eine Figur so, wie sie es tut? Weshalb wird eine Geschichte auf eine bestimmte Art und Weise erzählt? Bei der Analyse von Zusammenhängen dieser Art und insbesondere beim Verfassen einer Zusammenfassung spielen kausale Textprozeduren eine zentrale Rolle. Wie diese das Verstehen und Erklären von Figurenmotiven und Handlungslogik möglich machen, illustriert das Modell am Beispiel einer Zusammenfassung von Finn-Ole Heinrichs Erzählung Machst du bitte mit, Henning.

Finn-Ole Heinrich (Jahrgang 1982) ist ein renommierter Kinder- und Jugendbuchautor. 2012 wurde er für Frerk, du Zwerg! mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 2018 ist sein neuer Roman Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes erschienen.
Im Zentrum von Finn-Ole Heinrichs Erzählband Gestern war auch schon ein Tag (2009) stehen menschliche Schicksale und die Erkenntnis, dass das Leben nicht immer einfach zu erklären ist. Aus diesem Band stammt auch die Erzählung Machst du bitte mit, Henning. Die Erzählung handelt von dem Jugendlichen Henning, der den deutlich jüngeren Manuel misshandelt und daraufhin in ein Heim eingewiesen wird. Aufgrund der achronologischen Erzählweise und der sprunghaften Leserlenkung bleiben der genaue Hergang der Tat und die Motive dafür zunächst aber unklar.
Buch und Handlung
Buch und Handlung
Susan fehlt ein Bein. Tom ist die Treppe heruntergefallen. Und Henning lügt so lange, bis er die Wahrheit sagt. Finn-Ole Heinrich erzählt in diesem Buch von Menschen, die ins Schwanken gekommen sind, die das Leben mit aller Härte umgeworfen hat, und die nun wieder aufstehen müssen. Die Texte faszinieren durch ihre Ehrlichkeit, sprachliche Klarheit, Sensibilität und auch ihren Humor. Aus diesem Band stammt auch die Erzählung Machst du bitte mit, Henning.
Die Heftigkeit der sexuellen Gewalttat und die Perspektive des Täters, die keine einfache Antwort auf die Frage nach dem Warum anbietet, lassen bei den Schülerinnen und Schülern emotionale Reaktionen erwarten, mit denen im Unterricht behutsam umgegangen werden muss. Auf der anderen Seite können aber gerade diese Reaktionen die Grundlage für eine intensive Auseinandersetzung mit der Figur Henning und deren Situation sein.
Insgesamt stellt der Text sowohl auf Inhalts- als auch auf Darstellungsebene eine Herausforderung dar. Die sprachliche Arbeit in diesem Modell sollte aufgrund der Thematik aber auf keinen Fall ohne eine vorab erfolgte angemessene inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text erfolgen. Der Arbeit an der Sprache muss daher eine Phase intensiver inhaltlicher Erschließung und Reflexion vorausgehen. Für die Erschließung der Darstellungsebene müssen die Tat und ihre Motive sukzessive aus den Erinnerungen und Kommentaren des Ich-Erzählers Henning rekonstruiert werden. Aus diesem Grund rückt neben der chronologischen Ordnung der einzelnen Handlungselemente (Wann ist was passiert?) insbesondere die Klärung von Ursache und Folge in den Vordergrund (Warum ist das passiert?). Das zentrale sprachliche Mittel dafür sind kausale Textprozeduren.
Intentionen
Die Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, dass kausale Textprozeduren eine zentrale Bedeutung für die Qualität einer Zusammenfassung haben. Sie regen das Verständnis von Figurenmotiven und Handlungslogik an und ermöglichen es gleichzeitig, diese Zusammenhänge zu versprachlichen. Idealerweise werden die Schülerinnen und Schüler selbst auf diesen Zusammenhang aufmerksam. Ausgehend davon können dann entsprechende Textprozeduren in den Blick genommen und als Werkzeuge für das eigene Schreiben fruchtbar gemacht werden.
Unterricht
Die Schülerinnen und Schüler setzen sie sich zunächst mit dem Grundkonflikt der Geschichte, einer von der Hauptfigur ausgehenden sexuellen Misshandlung eines Mitschülers, auseinander und suchen nach Erklärungen für die Tat, bevor sie in einem zweiten Schritt den Text...

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