10. – 13. Schuljahr

Michael Rödel

Das I-Tüpfelchen

Interpretationsthesen formulieren

Lernenden fällt es in der Regel schwer nach der Textanalyse zu einer zentralen Interpretationsthese zu kommen und dabei über eine Zusammenfassung hinauszugehen. Das vorliegende Modell zeigt Strategien auf, die diesen Weg ebnen.

Im Fokus dieses Modells stehen Strategien, die Schülerinnen und Schüler bei der großen Herausforderung unterstützen können, einen Interpretationsaufsatz zu verfassen.1 Wir greifen dafür auf die Formulierung von Interpretationsthesen und den Ansatz der Textprozeduren (vgl. Feilke 2017) zurück. Die Gedichte, an denen diese Strategien entwickelt werden, sind dabei lediglich als Beispiele zu verstehen. Ebenso könnten diese Strategien an epischen, dramatischen Texten oder auch anderen, der konkreten Lerngruppe vielleicht besser bekannten Gedichten, erworben werden.
Während in Literaturwissenschaft und Philosophie darüber gestritten wird, was eigentlich genau unter einer „Interpretation zu verstehen ist, hat sich im Deutschunterricht der Schule eine lange Tradition des Interpretierens herausgebildet. In Operatorendefinitionen von KMK und IQB reflektiert sich ein gewisser Konsens darüber. So wird Interpretieren z.B. in den IQB-Standards definiert als „[] zu einer schlüssigen (Gesamt-)Deutung gelangen.
Das heißt, dass Interpretieren immer auch mehr bedeutet als das Zusammenfassen, auf das die Lehr- und Bildungspläne das Interpretieren oft folgen lassen. Gleichzeitig können die Grenzen aber durchaus verfließen: Dass Lernende einen Text verstehen, ist Voraussetzung für das Zusammenfassen. Bei manchen literarischen Texten ist aber ein kohärentes Verständnis überhaupt nur möglich, wenn zuvor Deutungs- bzw. Interpretationsleistungen erbracht wurden. Die zentrale Handlung des Interpretierens kann also als die Zuweisung einer schlüssigen – d.h. einer begründbaren und begründeten – Gesamtdeutung an einen Text verstanden werden, die über eine bloße Zusammenfassung hinausgeht.
Das Verfahren der Interpretationsthese (I-These)
An diesen Aspekt dockt das Verfahren der Interpretationsthese (kurz: I-These, vgl. Rödel 2018) an. Die I-These bringt die zentrale Deutung eines literarischen Textes durch einen Interpreten auf den Punkt. Sie stellt in argumentativer Hinsicht einen Begründungsbedarf her, der in einem Interpretationsaufsatz (oder auch einem Diskussionsbeitrag) erfüllt werden kann. Auf diese Weise kann die I-These kohärenzstiftend wirken. Sie wird zum strukturellen Zentrum des Textes. Der Interpretationsaufsatz erhält den Sinn, die I-These plausibel zu erläutern.
Sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben sind solche Thesen (wie „Heines Nachtgedanken sind eigentlich ein Liebesgedicht) also nur sinnvoll, wenn sie in einen Begründungszusammenhang gesetzt werden können – wenn sie also anhand des Rekurses auf den literarischen Text schlüssig gemacht werden können (vgl. IQB-Standards). Nehmen wir ein Beispiel aus dem Material: Eine Schülerin entscheidet sich nach ihrer Analyse von Goethes Prometheus für die I-These „Das Gedicht ist mit seinem Geniegedanken typisch für die Zeit des Sturm und Drang. Nun kann sie ihren Schreibplan darauf ausrichten, genau das zu begründen. Die einzelnen Teile des Textes sollten also immer wieder den Bezug zu dieser zentralen Interpretation herstellen.
Bei der konkreten Textgestaltung gibt es die Möglichkeit, deduktiv zu verfahren, also zuerst – beispielsweise nach einer Einleitung – die I-These vorzustellen und sie dann zu begründen, oder eben induktiv, also erst die Begründungen darzustellen und die I-These als Schlussfolgerung sozusagen organisch daraus abzuleiten. Die induktive Ausrichtung erfordert bei den Schülerinnen und Schülern höhere Gestaltungsleistungen, während eine deduktive Ausrichtung auch weniger leistungsstarken Lernenden das Schreiben kohärenter Texte erleichtert (vgl. Rödel 2018).
Hinsichtlich der didaktischen Gattung des Interpretationsaufsatzes bedeutet das...

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