9. – 11. Schuljahr

Wiebke Dannecker

„Normal ist langweilig

Literarästhetische Gestaltung in Andreas Steinhöfels Roman Anders

In einem binnendifferenzierten Aufgabenset setzen sich die Lernenden mit dererzählerischen Darstellung von Anderssein auseinander.

Menschen, die „irgendwie anders sind, werden häufig kritisch beäugt oder gar abgelehnt. So ergeht es auch der Titelfigur Felix Winter in Steinhöfels Roman Anders. Doch ist es in diesem Fall nicht nur die Gesellschaft, die Felix Winter die Rolle des Außenseiters zuschreibt, sondern es ist der Junge selbst, der seine Mutter bittet, ihn „ab jetzt anders zu nennen, nämlich Anders (Steinhöfel 2014, S.9).
Andreas Steinhöfel | Anders
Andreas Steinhöfel | Anders
Steinhöfels Roman handelt vom elfjährigen Felix Winter, der nach einem Unfall an seinem Geburtstag eine retrograde Amnesie erleidet. Da Felix sich an nichts erinnern kann, muss er nun seine Eltern, seine Mitschüler, seine Umwelt, aber auch sich selbst erst einmal neu kennenlernen. „Sie müssen sich darauf einstellen, dass er in mancherlei Hinsicht anders wird (Steinhöfel 2014, S.44), hatte der Psychologe den Eltern gesagt. Seit Felix aus dem Koma erwacht ist, hat er außerdem ein Sensorium für Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen kann. So nimmt er Menschen und deren Befindlichkeit in farbigen Auren wahr und kann beispielweise die Leberkrankheit der Nachbarin Frau Heinsel oder die Einsamkeit seines ehemaligen Nachhilfelehrers Herrn Stack erspüren. Sein distanzloses Verhalten macht ihn nicht nur für seine Umgebung schwierig und geheimnisvoll; auch seine Mutter hat Probleme mit dem „neuen Verhalten ihres Sohnes. Während Felix Vater André sein eigenes Verhalten und die Beziehung zu seinem Sohn reflektiert, ist seine Mutter Melanie dazu nicht bereit. Die Figurengestaltung der Eltern verweist damit auf die gesamte Figurenkonstellation des Romans, die sich hinsichtlich ihrer Unvoreingenommenheit gegenüber Felix Verhalten unterscheiden. Während Felix Ärztin, sein Vater und sein ehemaliger Nachhilfelehrer Felix neues Verhalten anerkennen, begegnen seine Mutter, die Nachbarin Frau Heinsel und die Lehrer Felix mit Unverständnis (s. Abb. 1 ). Steinhöfels Roman thematisiert damit auf unkonventionelle Weise den individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit dem Anderen und Fremden.
Gerade weil Steinhöfel mit Anders für die im positiven Sinne utopische Vorstellung plädiert, Anderssein nicht als Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm zu verstehen, wird damit zugleich sein Plädoyer für eine selbstverständliche Anerkennung von Heterogenität deutlich. Dazu bedient sich der Roman der Methode des multiperspektivischen Erzählens, die bei den Lesenden eine Reflexion von unterschiedlichen Sichtweisen anzuregen vermag.
Das Erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven gehört mittlerweile zu den etablierten Erzählverfahren im Jugendbuch, doch die Erzählweise im Roman geht darüber noch hinaus: Die Erzählperspektiven ändern sich ohne Markierung – auch mehrmals in einem Kapitel oder mitten auf einer Seite. Außerdem finden sich abrupte Beendigungen von Handlungssträngen und die Montage von Zeitungsartikeln, Polizeiberichten und Märchen-Versatzstücken. Durch diese Perspektivwechsel entsteht eine Anachronie der Erzählung, da einige Ereignisse aus der Vergangenheit durch Analepsen (Rückblenden) nachträglich dargestellt werden. Auch dies trägt zum Aufbau der Spannung bei, da sich die Lesenden das Erzählte aus vielen Puzzleteilen zusammensetzen müssen. Dabei ist der Roman zugleich als Detektivgeschichte angelegt. Felix Schulkameraden Nisse und Ben haben beispielsweise gute Gründe darauf zu hoffen, dass Anders sein Gedächtnis nicht wiederfindet. Doch das unheilvolle Ereignis wird zunächst nur angedeutet und erst am Schluss erfahren die Leserinnen und Leser, dass die drei kurz vor Felix Unfall bei Eckhard Stack einen Brand gelegt haben. Erst als es Felix Vater zusammen mit Felix Lehrerin gelingt, das Passwort des...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen