5. – 13. Schuljahr

Tilman von Brand

Literatur inklusiv

Inklusiv gestalteter Literaturunterricht muss die heterogenen Voraussetzungen und individuellen Bedürfnisse in einer Lerngruppe ernst nehmen. Er sollte Barrieren abbauen, alle Lernenden an Literatur partizipieren lassen und ihnen ästhetische Erfahrungen ermöglichen. Zugleich dürfen Irritation und Nicht-Verstehen die Literatur auch ausmachen nicht vernachlässigt werden.

Literatur ist immer exklusiv und inklusiv zugleich. Als gedruckter Text verschließt sie sich denjenigen, die nicht in der Lage sind, zu lesen oder das, was sie lesen, mit Sinn zu füllen. Und sie bleibt auch denjenigen verschlossen, die nicht willens sind, sich auf die Angebote, die sie macht, einzulassen. Zugleich ermöglicht sie jedoch jeder Leserin und jedem Leser sehr unterschiedliche und auch individuelle Zugänge und Gratifikationen. Sie bietet die Chance vielfältiger Erfahrungen und Erkenntnisse und behandelt dabei sämtliche anthropologischen Grundfragen. Dabei ist sie per se polyvalent und lässt unterschiedliche Lesarten zu, weil die Leserinnen und Leser aktiv als Koproduzent/-innen am Sinnbildungsprozess beteiligt werden. Indem sie sprachliche, ästhetische oder inhaltliche Differenzerfahrungen ermöglicht, stellt sie ihre Leserinnen und Leser immer wieder vor neue Herausforderungen, deren Bewältigung Genugtuung verschaffen kann. Im Positiven wie im Negativen kann man also sagen: Literatur ist nicht barrierefrei.
Ein Literaturunterricht, der inklusiv gestaltet sein soll, steht daher vor der Herausforderung, einerseits Barrieren abzubauen, um möglichst alle Schülerinnen und Schüler an Literatur partizipieren zu lassen und ästhetische Erfahrung zu ermöglichen. Andererseits baut er aber auch auf solchen auf und wird bewusstmachen müssen, dass Irritationen, Verstehenshürden und sogar das Nicht-Verstehen die Beziehung zur Literatur gerade ausmachen und mitnichten ein Manko sind. Erst wer diese Erfahrung gemacht hat, wird den Unterschied von pragmatischen und fiktionalen Texten verstehen und letztere auch deswegen schätzen lernen können.
Mit diesem Heft wird der Versuch unternommen, Möglichkeiten für einen inklusiven Literaturunterricht aufzuzeigen, bei denen die sehr heterogenen Bedürfnisse und Voraussetzungen der Lernenden ebenso ernst genommen werden wie die Literatur, die es zu entdecken, zu erarbeiten und zu verstehen gilt.
Gefordert: Inklusion
Inklusion ist zunächst lediglich eine organisatorische Hülle, die in den Schulen mit Leben gefüllt werden muss. Als solche ist sie nicht per se gut, sondern konfrontiert die Akteurinnen und Akteure vor Ort auch mit erheblichen Schwierigkeiten, die nicht selten in Frustration und Konflikten münden. Die Fokussierung literarischen Lernens in inklusiven Lerngruppen bedeutet damit immer zweierlei: eine pragmatische Perspektive auf die Möglichkeiten der Umsetzung innerhalb der – vielleicht zweifelhaften – vorgegebenen Rahmen einerseits und eine Perspektive auf ein Ideal eines inklusiven Literaturunterrichts, dessen Rahmung gleichfalls zur Disposition steht, andererseits.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der Unmöglichkeit, inklusiven Literaturunterricht mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu modellieren. Da hier insbesondere die jeweiligen Lernvoraussetzungen in der konkreten Lerngruppe von besonderer Bedeutung sind, können immer nur entweder isolierte Aspekte modellhaft aufbereitet werden (passende Texte, individualisierende Methoden etc.), oder aber man operiert mit Best-Practice-Beispielen, aus denen man im besten Fall Verallgemeinerungen ableiten kann.
Der Begriff Inklusion ist keinesfalls scharf und führt deshalb immer wieder zu Missverständnissen. Stärker aus sonderpädagogischer Perspektive wird Inklusion vor allem als gemeinsamer Unterricht behinderter und nicht-behinderter Kinder gesehen, sodass der Fokus dann auf den besonderen Förderbedarfen liegt. Aus der Schulpädagogik heraus geht die Tendenz eher dahin, Inklusion als...

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