11. – 13. Schuljahr

Susanne Tanejew | Kristina Koebe | Eileen Hage

Kabale und Liebe für alle?!

Vielfalt auf dem Weg zum Abitur produktiv nutzen

Dieses Unterrichtsmodell strebt, trotz stark homogenisierender Anforderungen des Zentralabiturs und entsprechender Normierungen durch die standardisierten Vorgaben der Länder, eine individualisierte Auseinandersetzung mit dem Text an. Dabei werden vor allem drei Dimensionen von Heterogenität berücksichtigt: Autismus, Hochbegabung sowie emotionale und soziale Entwicklung. Eine daran anschließende Zusammenführung in der Klassengemeinschaft ermöglicht über die Einzelbetrachtungen hinausgehende Erkenntnisse.

Friedrich Schillers (17591804) Drama Kabale und Liebe ist seit dem 19. Jahrhundert fester Bestandteil des Unterrichtskanons und aktuell Gegenstand vieler Lehrpläne der Sekundarstufe I und II. Der Text stellt heutige Lernende und Lehrende nicht nur vor sprachliche, sondern auch vor inhaltliche und ästhetische Herausforderungen, deren Bewältigung einen reflektierten Umgang mit Alterität und eine Beschäftigung mit dem Entstehungskontext erfordert. Mit den 2012 von der KMK beschlossenen Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife sind zudem Leitlinien für die Gestaltung eines kompetenzorientierten Umgangs mit literarischen Texten vorgegeben, die zu einer reflektierten Nutzung fachlichen Wissens bei der selbstständigen Erschließung von Texten unterschiedlicher medialer Form beitragen sollen (BS im Fach Deutsch 2012, S.18). Daraus ergeben sich folgende Anforderungen an die Unterrichtsarbeit mit Schillers Drama in der Sekundarstufe II:
  • eigenständige Formulierung des Textverständnisses
  • Analyse von Inhalt, Aufbau, sprachlicher Gestaltung und Sinnzusammenhängen
  • argumentative Stützung durch gattungspoetologische, literaturgeschichtliche und auf einem erhöhten Niveau wissenschaftliche, philosophische und historische (Kontext-)Kenntnisse
  • Erschließung des Textes als Produkt künstlerischer Gestaltung unter Einbeziehung der besonderen ästhetischen Qualität und der diachronen und synchronen Bezüge
  • analysierende, interpretative, erörternde Auseinandersetzung mit dem literarischen Text.
    Kabale und Liebe (1784)
    Kabale und Liebe (1784)
    Friedrich Schillers Jugenddrama entstand in der Zeit zwischen 1782 und 1783 und sollte unter dem Titel Luise Millerin erscheinen. Luise, die Tochter des Stadtmusikanten Miller, ist eine der bürgerlichen Hauptfiguren des Stückes und wird als Inbegriff von Liebe, Herz und Empfindung und Gegenbild zur despotischen höfischen Welt inszeniert. Demgegenüber fehlen nicht nur dem skrupellosen Präsident von Walter, sondern auch seinem Haussekretär mit dem selbstredenden Namen Wurm und dem Hofmarschall von Kalb jegliche positive Eigenschaften. In gewisser Hinsicht Ausnahmen unter den adligen dramatis personae bilden Lady Milford und der junge Major Ferdinand von Walter. Während Lady Milford als Mätresse des Herzogs durch eine tugendhafte, idealisierte Liebe zu Ferdinand Befreiung aus ihrer als unmoralisch erlebten Existenz sucht, ist dieser der Bürgerstochter Luise in höchster, mal verabsolutierend-dogmatischer, mal pflichtbewusst-moralischer Liebe ergeben (vgl. Hinderer 2000, S.39f.). Das Scheitern der Liebe wurzelt nicht nur in Standesunterschieden, sondern auch in zeitspezifischen MannFrau- und ElternKind-Rollenverständnissen, was Schillers Drama zu einer kritischen Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Zustände seiner Zeit werden lässt.
    Der dramatische Konflikt in Schillers Werk beruht vordergründig auf dem Antagonismus zwischen Adel und Bürgertum. Dies geht zurück auf die autobiografische Erfahrung der despotischen Herrschaft des absolutistischen „Landesvaters Herzog Karl Eugen im Herzogtum Württemberg sowie auf Schillers Beschäftigung mit zeitgenössischen Diskursen und Lessings bürgerlichem Trauerspiel. Dass die konflikthaften Ursachen für die Tragödie den „Dualismus zwischen der Liebe, der Intensität des Gefühls,...

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