5. – 13. Schuljahr

Liane Schüller

Gedichte in inklusiven Lehr-Lernkontexten

Der blaue Hund von Peter Hacks

Die Lerngruppe experimentiert handlungs- und produktionsorientiert mit dem Gedicht und erlebt so, dass ein Gedicht mehrdeutig wahrgenommen und umgesetzt werden kann.

Die oft bildhafte Sprache, der Rhythmus, der Klang und die Bedeutungsvielfalt von lyrischen Texten laden dazu ein, die Vorstellungsbildung, aber auch die analytischen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern anzuregen und weiterzuentwickeln. Gedichte sind offen für Sinnbildungsprozesse und ermöglichen es allen Kindern, ästhetische Erfahrungen zu machen. Sie bieten im Unterricht spannende Möglichkeiten, anhand differenzierender Angebote Lernformen zu erproben, die gemeinsames und individuelles Lernen fördern und den unterschiedlichen Voraussetzungen und Interessen der Lernenden Rechnung tragen, was besonders für die Arbeit in heterogenen Klassen bedeutsam ist. Aufgrund ihrer Bedeutungsoffenheit und Mehrdeutigkeit, des häufiggeringen Wortumfangs und unmittelbaren Identifikationsangebots, eignen sich viele lyrische Texte besonders für den inklusiven Unterricht. Gedichte sind widerständig, verdichtet und manchmal rätselhaft. Indem sie dazu auffordern, sie in Inhalt und Form wahrzunehmen, bieten sie besonderes Potenzial, Sprachbewusstsein anzubahnen und sich metasprachliches Wissen anzueignen. Wenn sie als reine Lesetexte bearbeitet werden, kann das allerdings die Rezeption erschweren. Aufgrund ihrer Nähe zur Performanz – lyrische Texte wurden über Jahrhunderte z.B. in Form von Liedern als Hör- und Sprechtexte vorgetragen lassen sich Gedichte jedoch auf vielfältige Weise erschließen. Man kann Gedichte sprechen und hören, visualisieren, vertonen und in Bewegung bringen und ermöglicht so allen Kindern eine intensive sinnliche Begegnung. Dies hilft gerade dann, wenn aufgrund sprachlicher Voraussetzungen und/oder bestimmter Einschränkungen, Wege der Rezeption verstellt sind. Differenzierungsangebote lassen sich unkompliziert entwickeln (z.B. Lückentexte, farbliche Markierungen von Wörtern/Phrasen/Reimen) und durch handlungs- und produktionsorientierte Zugänge lässt sich die Neugier auf Wörter und Sprache sowie Freude am Experimentieren und Improvisieren fördern. Dabei ist es für viele Kinder sinnvoll, sprachliche Besonderheiten der Gedichte nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in situativen Kontexten kooperativ bearbeiten zu lassen und ihnen die Möglichkeit anregender Weitergestaltungen etwa durch Schreibanlässe und Spielformen zu ermöglichen.
Peter Hacks – Der blaue Hund
Kinder sollten Interesse an den Gedichten haben, die im Unterricht besprochen werden. Das ist vor allem dann gewährleistet, wenn die Erfahrungswelt der Kinder erreicht wird, indem elementare Themen – Natur, Tiere, Menschen – im Fokus stehen, wie in Peter Hacks Gedicht Der blaue Hund. Hier werden das Verhalten und die Beziehung von Mensch und Tier auf eine für Kinder leicht zugängliche und humorvolle Art und Weise bilderreich aufgegriffen, was die Schülerinnen und Schüler zur Auseinandersetzung mit dem Gedicht motivieren und sie dazu anregen kann, assoziative Bilder zum Gedicht zu erzeugen und ihm so eine anregende Spannweite zu geben.
Das Gedicht ist auf inhaltlicher und formaler Ebene für die meisten Lernenden problemlos zu bewältigen. Es ist mit zwei Strophen vergleichsweise kurz, weist keine komplexen Strukturen auf und nutzt keine unbekannten Wörter, die den Zugang und das erste Verstehen erschweren. Der Gebrauch des Präsens bildet die Unmittelbarkeit des Geschehens ab, dessen Komplexität eher gering ist. Der Text weist Paarreime und eine Häufung von Endreimen auf, wodurch – in der Tradition der Kinderverse von Joachim Ringelnatz der Wortwitz auch auf formaler Ebene abgebildet wird. Trotz seiner Reduziertheit enthält das Gedicht unterschiedliche Identifikationsangebote und Leerstellen, die Raum für verschiedene Interpretationen lassen.
Mit wenigen pointierten...

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