10. – 13. Schuljahr

Marianne Thommel

Wilhelm Klemm und Georg Trakl als Zeitzeugen des Ersten Weltkrieges

Die Darstellung des Krieges im Gedicht

Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit den Biografien der beiden Lyriker auseinander und analysieren die lyrische Darstellung des Kriegsraums und der Soldaten in den Gedichten An der Front (Klemm) und Grodek (Trakl). Dadurch werden individuelle Perspektiven auf das Kriegsgeschehen eröffnet und die Schüler erweitern so ihr Geschichtsbewusstsein.

Im Jahr 2013, 45 Jahre nach demTod des Dichters Wilhelm Klemm,erscheint der Band Tot ist die Kunst. Briefe & Verse aus dem Ersten Weltkrieg. Bei diesen Briefen handelt es sich um die erste Gesamtveröffentlichung der erhaltenen Feldpost Klemms aus der Korrespondenz mit seiner Frau. Neben Schilderungen aus dem Soldatenalltag geben die Briefe Einblick in das Elend in den Lazaretten, das Sterben in den Schlachten und die Trostlosigkeit zerstörter Landstriche und stellen deshalb eine wichtige Quelle für die Interpretation der Kriegsgedichte Klemms dar. Denn Klemm spricht als Zeitzeuge des Ersten Weltkriegs und seine Beobachtungen finden beinahe unmittelbaren Eingang in seine Dichtung, sodass die Lernenden aus der Lektüre der Feldpost wichtige Zusatzinformationen für das Verständnis seiner Lyrik ziehen können. Klemms Lyrik ermöglicht es also nicht nur aufgrund ihrer Thematik, sondern auch aufgrund ihrer Entstehungsvoraussetzungen, historisch zu lernen.
Im Gedicht An der Front wird in expressionistischer Montagetechnik das Stimmungsbild einer verregneten Landschaft entworfen, die schwer vom Krieg gezeichnet ist. Der Kriegsraum ist auch akustisch und sensorisch ausgestaltet: Es sind Schüsse zu hören (V. 8), deren Platzen und Verhallen dem Rezipienten mit dem onomatopoetischen pop, pop, pauu (V. 8) im Ohr erklingen. Der Gestank der Verwesung toter Pferde (V. 4) überzieht die Gegend ebenso wie der Brandgeruch verkohlter Städte und Dörfer. Inmitten dieser Trostlosigkeit ziehen Soldaten dahin (V. 9 und 12). Jegliche Zukunftshoffnung scheint ihnen, ebenso wie dem lyrischen Ich, verloren (V. 12). Der fortwährende Regen spiegelt diese Bedrücktheit. So ist die Landschaft der Spiegel einer hoffnungslosen Seele. Dementsprechend kennzeichnen Adjektive wie öde (V. 1), verweint (V. 1) oder kahl (V. 9) die sprachliche Gestaltung des Gedichts. Alle Bewegungen sind gedämpft, nichtsdestotrotz dokumentieren sie die Schrecken des Krieges. So verharmlost z.B. das eigentlich positiv besetzte Adverb gemächlich (V. 7) nur vordergründig die Zerstörung, hier das Brennen eines Hofes. Auch die Farbmetaphorik der Landschaftsbeschreibung verbleibt mit Grau (V. 2) und Braun (V. 5)düster und mündet schließlich in Schwarz (V. 18), der Farbe des Todes. Disparate Bilder (z.B. V. 24) reihen sich im Zeilenstil aneinander und zusammen mit eindrucksvollen Vergleichen (z.B. V. 13) bauen sie eine bedrückende Stille auf, die die Sinnlosigkeit des ermüdenden Stellungskrieges im Ersten Weltkrieg dokumentiert.
Auf diese Weise gelingt es Klemm, die Emotionen, die er selbst angesichts der Kriegsgrauen empfindet, lyrisch zu artikulieren. Der Ton im Gedicht An der Front ist jedoch deutlich leiser als der, den der Dichter in seiner Feldpost anschlägt, und zeigt die Perspektive eines distanzierten Beobachters.
Bis Wilhelm Klemm gegen Kriegsende angesichts der nicht enden wollenden Grauen verstummt und sich literarisch anderen Themen zuwendet, verfasst er insgesamt 41 Kriegsgedichte.
Georg Trakl ist ein weiterer Zeitzeuge des Ersten Weltkriegs, dessen Kriegserfahrungen Eingang in seine Lyrik fanden und dessen persönliches Erleben über seine Feldpost rezipiert werden kann.
Trakl war erst wenige Wochen im Kriegsdienst, als Anfang September 1914 vor den Toren der Stadt Grodek eine erbitterte Schlacht tobte. Er erlebte diese nicht an der Front, sondern in einer Scheune, in der er die Verwundeten in Empfang nahm. Mit dieser Situation war Trakl, von Beruf Apotheker, ohne...

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