8. – 11. Schuljahr

Karlheinz Fingerhut

Was kann alles „romantisch sein?

Kennenlernen eines (literar-) historischen Begriffs

Über die Beschäftigung mit verschiedenen Zeugnissen aus der Zeit der Romantik kann den Schülerinnen und Schülern ein komplexes Bild einer (literar-) historischen Epoche vermittelt werden. Diese erscheint weder isoliert, noch wird sie auf abrufbare Merkmale reduziert.

Schülerinnen und Schüler lernen im 5.7. Schuljahr Märchen und Gedichte und auch Balladen aus der Zeit der Romantik kennen, allerdings verschwindet der Zeitbezug hinter Fragen zu Inhalten, Figuren und formaler Struktur, zu Methoden produktiver Verarbeitung. Im Geschichtsunterricht ist zwar die Zeit zwischen Französischer Revolution und Beginn des 20. Jahrhunderts für die Jahrgangsstufe 8 vorgesehen, aber die Herausbildung des Nationalbewusstseins in den Napoleonischen Kriegen wird in einer auf die Entwicklung der Industrialisierung konzentrierten Darstellung des 19. Jahrhunderts kaum beachtet.
Die Romantik in einigen für etwa 14-Jährige altersspezifischen Aspekten vorzustellen und der Reflexion auszusetzen, kann eine Brücke zwischen dem Denken und Empfinden der Jugendlichen und der romantischen Tradition schlagen, dabei auf Leseerfahrungen früherer Jahrgänge zurückgreifen und Orientierungswissen da vermitteln, wo bisher ahistorisch gebliebene Textkenntnisse vorhanden sind. Außerdem zielt das Modell auch auf den Habitus des Lesens: Es ist zu lernen, dass man beim Lesen fragt, wo denn dies oder jenes Auffällige herkommt, welche Quellen möglicherweise die eigenen spontanen Reaktionen auf die Lektüre haben. Das Modell setzt dazu bei der Sprache an, fragt nach der semantischen Unschärfe historischer Wert- und Ordnungsbegriffe, geht über zu bereits ansatzweise bekannten Texten wie Märchen, Gedichten über Naturerleben, Balladen und zielt auf eine (punktuell bleibende) Erfassung der romantischen Mentalität. Die Themen „Wandern, „Sehnsucht nach der Ferne, nach Italien, das vom nationalen Denken inspirierte Sammeln von „Volksliteratur, die Rückwendung zum europäischenMittelalter, die Bedeutung des Fantastischen für das Erleben von Ich und Welt sollen im Zentrum stehen.
Intention
Ziel des Modells ist es, Schülern
  • a) bewusst zu machen, dass viele wertende Begriffe, die wir in Alltagskommunikationen gebrauchen, ganz unterschiedliche Bedeutungen haben können. Dazu gehört auch das qualifizierende Adjektiv „romantisch. Im Kompetenzfeld „Sprachbewusstheit geht es hier um die Teilkompetenz „Bedeutungsunterschiede beim Lesen von Texten wahrnehmen und den Einfluss von Sprachwandel auf das Textverstehen erkennen.
  • b) an den einzelnen Texten sollen besondere Eigenschaftender romantischen Literatur (Themen, Perspektiven, Wertungen) erkannt werden. Dabei spielt „historisches Lernen eine wichtige Rolle. Nicht nur dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Mentalität der schreibenden, malenden, musizierenden Zeitgenossen eine andere war als davor und heute. Auch was davon heute noch wirksam ist, kann beobachtet werden. Hier steht die Kompetenz „Erkennen expliziter und impliziter Wertungen im Zentrum.
  • c) die Teilkompetenz des analytischen Lesens, nämlich das Erkennen und Überprüfen der „historischen Dimension literarischer Texte ist zu vermitteln. Der Leser stellt sich die Frage: Wie greift ein literarischer Text in Diskussionen seiner Zeit ein? Welche Urteile enthält er über Probleme, die die Menschen seiner Zeit umtreiben? Wie kann ich als heutiger Leser den „Wahrheitsgehalt oder die „Botschaft des Textes erfassen?
Unterricht
Das Modell ist für einen integrierten Deutschunterricht entworfen, es sieht vier Arbeitsschritte vor, betont dabei selbstständiges Arbeiten allein und in Gruppen, bietet Differenzierungsmöglichkeiten und arbeitsteiliges Vorgehen an.
1. Schritt: Vorwissen zum Begriff „romantisch ermitteln
Das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler ist maßgeblich durch Medienerfahrungen geprägt. Einerseits ist hier „Romantik,...

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