4. – 6. Schuljahr

Kristina Bismarck

Von Pionieren, Westfernsehen und einer friedlichen Revolution

Durch Irritationen historisches Lernen ermöglichen

Der Kinderroman Fritzi war dabei orientiert sich konsequent an den spezifischen Bedürfnissen jüngerer Leser. So werden „Differenzerfahrungen initiiert, die es Schülern erlauben, ein Stück jüngster Geschichte den Fall der Berliner Mauer kennenzulernen und in Bezug zur eigenen Lebensgeschichte zu setzen.

Das Kinderbuch Fritzi war dabei.Eine Wendewundergeschichte von Hanna Schott erzählt die Geschichte der Wende aus der Sicht einer neunjährigen Protagonistin. Ausrüstet mit dem roten Halstuch der Pioniere steht Fritzi im Pausenhof und ruft mit ihren Klassenkameraden den sozialistischen Gruß: „Für Frieden und Sozialismus seid bereit“– „Immer bereit!. Hanna Schott führt ihre jungen Leser an der Seite der etwa gleichaltrigen Protagonistin direkt in den Alltag der DDR: Der Fahnenapell zum ersten Schultag. Das Staatssystem der DDR, der langsame Verfall desselben, Republikflucht, Systemkritik, der Ruf nach Presse- und Reisefreiheit, – das sind schwierige und komplexe Themen für Kinder auch wenn die zeitliche Kluft, die sie von diesen Ereignissen trennt, vergleichsweisegering ist. Gerade einmal etwas mehr als 25 Jahre sind seit diesen Ereignissen vergangen und viele Menschen haben dieses Gesellschaftssystem noch erlebt. Doch trotz der Komplexität der behandelten Themen handelt es sich bei dem Roman Fritzi war dabei um ein Kinderbuch im eigentlichen Sinne um ein Buch also, das explizit für Kinder geschrieben wurde. Die Personalisierung von historischen Wissensbeständen, die Perspektivierung und das Prinzip der Irritation sind spezifische Erzählstrategien der Autorin, mit deren Hilfe der Anspruch sowohl nach Erfahrungsbezug wie auch nach „historischem Erkennen (vgl. Basisartikel) eingelöst werden kann und somit den Aufbau von Geschichtsbewusstsein ermöglicht, das „historische Kenntnisse mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpft (ebd.).
Personalisierung von historischen Wissensbeständen
Hanna Schott orientiert sich in ihrer Erzählung konsequent an der Wahrnehmung eines neunjährigen Kindes und knüpft dadurch direkt an dem Erfahrungshorizont und dem Wissen der Adressaten an. Indem sich die Schülerinnen und Schüler den Fragen und Problemen Fritzis nähern, nähern sie sich dem Thema „Leben in der DDR an. Leben in der DDR, das heißt für die neunjährige Fritzi, dass sich jedes Mal wenn sie den Hausflur betritt, die Türe der unteren Wohnung öffnet und der Hausgemeinschaftsleiter kontrolliert, wer das Haus betritt. Leben in der DDR, das bedeutet für FritziFahnenappell auf dem Schulhof. Leben in der DDR, das bedeutet für Fritzi keine Barbie-Puppe, die sie aus dem Westfernsehen kennt, kaufen zu können. Diese exemplarischen Beispiele verdeutlichen, wie es der Autorin gelingt, das komplexe Thema „Leben in der DDR für Kinder greifbar zu machen. Auch Fritzi, die ja im System der DDR aufwächst, erschließen sich größere gesellschaftspolitische Zusammenhänge nur sehr bedingt: Sie versteht den Sinn der Fahnenappelle, den Inhalt der patriotischen Ansprachen, das Verbot, ihre Oma in München zu besuchen, nicht wirklich. Und trotzdem, auch Kinder nehmen große gesellschaftliche Veränderungen, wie sie der Fall der Berliner Mauer darstellt, wahr, wenngleich auf ihre Weise. In ihrer Familie und in der Schule entdeckt Fritzi erste Anzeichen der gesellschaftlichen Veränderungen, vor allem am veränderten Verhalten ihrer wichtigsten Bezugspersonen. Die neue politische Stimmung im Land macht sie zunächst an der veränderten Sprache ihres Vaters fest: „[] vor zwei Tagen [] ist die DDR 40 Jahre alt geworden, und es gab eine große Feier mit einer Militärparade und langen Reden. Am Ende hat sogar Papa den Fernseher angeschrien: ‚Für wie blöd haltet ihr uns eigentlich? Wir lassen uns nicht mehr so leicht verarschen! Ich darf nie verarschen sagen. Aber Papa hat von Mutti dafür...

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