11. – 13. Schuljahr

Anna Katharina Nachtsheim & Florian Radvan

Robert fliegt durch die Jahrhunderte

Adaptionen eines Kinderbuchklassikers als (historische) Intertexte

Dieses Unterrichtsmodell zeigt, wie sich anhand ausgewählter Adaptionen des Fliegenden Robert aus dem Struwwelpeter das Konzept der Intertextualität thematisieren lässt. In Bezug auf ihren historischen Kontext ist jede der Adaptionen interessant und einzigartig, sodass es sich lohnt, sie auch als literarische Spiegelungen von Geschichte zu analysieren.

Der 1845 publizierte Struwwelpeter des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann (18091894) war und ist ein Klassiker der Kinderliteratur. Dass das Buch ursprünglich erschienen unter dem Titel Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 schön kolorierten Tafeln für Kinder von 36 Jahren bis heute populär ist, liegt unter anderem darin begründet, dass es unbegrenzt zitier- und adaptionsfähig zu sein scheint: Schon bald nach der Erstveröffentlichung wurden Parodien auf Hoffmanns Text publiziert. Bis ins 21. Jahrhundert ist die Anzahl der Struwwelpetriaden unüberschaubar geworden. Viele der Adaptionen lassen einen Blick auf die zeithistorischen Umstände ihrer Entstehung zu. Ebenso sind sie, allerdings in unterschiedlicher Intensität, durch die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Diskurse ihrer Zeit geprägt, die dann in der jeweiligen Figurenkonzeption zutage treten.
Robert fliegt
Anhand der Geschichte vom fliegenden Robert ein Text, der von Hoffmann erst 1847 dem Struwwelpeter hinzugefügt wurde werden die Schülerinnen und Schüler für die Frage sensibilisiert, wie sich Zeitbezüge verschiedenartig in Literatur spiegeln können: von der direkten Thematisierung einzelner, politisch bedeutsamer Ereignisse bis hin zur Reflexion gesellschaftlicher Anschauungen und Vorstellungen, die sich indirekt im Verhalten und den Handlungen der Figur Robert zeigen.
Die ursprüngliche Geschichte Hoffmanns (Material 1 ) hat einen einfachen Handlungsablauf: Ein Junge, der dem vermeintlich guten Rat trotzend bei Sturm und Regen abenteuerlustig das Haus verlässt, wird vom Wind erfasst und mit seinem Schirm in den Himmel davongetragen, wohin, „das weiß kein Mensch zu sagen (V. 23).Dabei scheint in der impliziten Bewertung von Roberts Verhalten durch den Erzähler eine unterschwellige Drohung im Sinne der Schwarzen Pädagogik anzuklingen (vgl. Rutschky 2001). Das offene Ende dagegen ist Ursache dafür, „dass Die Geschichte vom fliegenden Robert auf derart vielfache Weise neu und anders erzählt worden ist (Fischer 2008, 13), wie Gerhard Fischer zu Recht festhält. So machen sich die Adaptionen dies zunutze und spielen mit der Unbestimmtheit von Roberts Schicksal. Sie konkretisieren es in die eine oder die andere Richtung, beantworten dabei etwa die folgenden Fragen: Weshalb fliegt Robert? Wo endet sein Flug? Gibt es eine erfolgreiche Rückkehr oder eine Bruchlandung? Für die Deutung der Adaptionen ist zentral, dass das Fliegen in einigen Fällen als metaphorisches, in anderen als tatsächliches, historisch verbürgtesEreignis zu verstehen ist (Personen- und Ereignisauthentizität, vgl. Basisartikel). Der vermeintliche Leichtsinn Roberts und die Warnungen davor lösen sich auf zugunsten anderer Blickweisen auf sein Verhalten. Dabei macht die Aktualisierung der Texteu.a. deutlich, dass die intendierte Zielgruppe nicht mehr Kinder, sondern vielfach Erwachsene sind.
Robert im Weltall
Bei der Adaption von Fried Stern, der seinen Struwwelpeter (Material 2 )als ein „Bilderbuch für die Großen bezeichnete, wird das offene Ende des Prätextes weitergedacht: Der deutsch-jüdische Maler und Schriftsteller Stern imaginiert Robert als ruhmreichen Heimkehrer, der sich sogar im Weltall bewährt hat. Er antwortet somit, wenn auch im Konjunktiv („wär ein großer Ritt, V. 18), auf die Ungewissheit darüber, was mit Robert passiert ist, und stellt seine Adaption klar in den Horizont des Hoffmannschen Textes („Denn...

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