6. – 7. Schuljahr

Susanne Tanejew & Tilman von Brand

Kinderbuchklassiker (k)eine zeitlose Kunst?

Mit Diskriminierungen in klassischer Kinder- und Jugendliteratur umgehen

Ob in auch heute gern gelesenen Texten von Erich Kästner, Ottfried Preußler, Astrid Lindgren und anderen noch von „Negern, „Zigeunern und „Eskimos die Rede sein darf oder ob diskriminierende Sprache in den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur zu tilgen sei, wurde 2013 in der sogenannten Kinderbuch-Debatte intensiv diskutiert. Die Behandlung der Frage im Unterricht kann dazu führen, dass die Schüler ihr historisches Bewusstsein für Aspekte sensibler Sprachverwendung ausbauen.

„Wir werden alle unsere Klassiker durchforsten erklärte der Verleger des Thienemann Verlags Klaus Willberg im Januar 2013 in einem Interview (vgl. Bax. in: taz vom 05.01.2013). Ziel dieser Suche waren für Kinder heute nicht mehr verständliche, ungebräuchliche Wörter sowie diskriminierende Begriffe, die gestrichen oder ersetzt werden sollten. „Nur so bleiben sie zeitlos betonte Willberg die Absicht der sprachlichen Modernisierung. Otfried Preußlers Die kleine Hexe (1957) betraf dies konkret, aber auch Astrid Lindgrens PippiLangstrumpf (1945) oder DanielDefoes Robinson Crusoe (1719) standen als Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur im Fokus.
Diese auf den ersten Blick zeitlosen Geschichten scheinen nun doch aus der Gegenwart zu fallen,da sie sprachlich zu sehr auf Vorstellungen ihrer Entstehungszeitverweisen. Mit der scheinbar harmlosen, in der Entstehungszeit üblichen Verwendung von Worten werden diskriminierende Stereotype aufgegriffen und transportiert. Exemplarisch dafür steht die Verwendung des Begriffs „Neger (lat. niger = schwarz), der seit dem 17. Jahrhundert im deutschsprachigenRaum bekannt ist. Er stand immerim Kontext der rassistischen Theorie und ist als Rechtfertigung für eine Politik der Eroberung undUnterdrückung vermeintlich zivilisierter Europäer gegenüber schwarzen, „un-normalen, und abwertend betrachteten Menschen gebraucht worden.
Wie komplex und folgenreich die Erkenntnis, dass Begriffe und Literatur historische Qualität haben können, sowohl für die literarische Rezeption als auch das geschichtsbewusste Handeln ist, zeigt der 2015 zur Kinderbuch-Debatte erschienene Band Wörter raus!?(Hahn et al.). Drei grundsätzliche Haltungen lassen sich unterscheiden (vgl. ebd., S. 9f.):
Erstens die Position, diskriminierende Wörter aus Kinderbüchern zu entfernen, vor allem weil Diskriminierung grundsätzlich verboten und eine weitere Verwendung aus der Perspektive der Opfer unhaltbar sei, rassistische Denkstrukturen nicht überwunden werden könnten und Kinder diese bei der Lektüre womöglich übernähmen oder zumindest nicht ausreichend historisch-sprachkritisch reflektierten (vgl. ebd., S. 3947).
Die zweite Gruppe ist zum einen grundsätzlich gegen eine Zensur literarischer Werke, da die Originalfassung auch in Hinblick auf ihren kulturellen und historischen Wert zu schützen sei. Zum anderen sieht sie für eine Überwindung diskriminierender und rassistischer Einstellungen gerade in der Tabuisierung keine Lösung. Einzelne Wörter zu ersetzen, verhindere den notwendigen Diskurs (vgl. ebd., S. 154166).
Vermittelnd dazwischen stehen diejenigen, die sich für eine Kommentierung veralteter und insbesondere historisch bedingt problematischer Begriffe aussprechen und dafür Fußnoten oder Glossare vorschlagen (vgl. ebd., S. 1438).
Intention
Diese Diskussion soll als Anlass genutzt werden, um die Lernendendazu anzuregen, sich mit der historischen Dimension von Literatur zu beschäftigen unddabei zunehmend bewusster mit Sprache und Geschichte umzugehen. Dafür setzen sich die Schüler mit stereotypen und diskriminierenden bildlichen sowie textlichen Darstellungen in Kinderbuchklassikern auseinander und bewerten diese auf der Basis von zu erarbeitendem Wissen zur Geschichte des Begriffs „Neger. Durch diesenhistorisch-sprachsensiblen Umgang mit Texten finden...

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