10. – 13. Schuljahr

Eva C. Huller

Im Labyrinth des Schweigens

Wirtschaftswunderzeit Schlussstrichzeit?

Der oscarnominierte Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens zeigt die Vorgeschichte und das gesellschaftliche Umfeld der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Er regt zum historischen Lernen wie zur medienästhetischen Reflexion an.

Wie geht ein Staat nach einer Phase der Diktatur mit seiner jüngsten Vergangenheit um? Wie behaupten sich überzeitliche Rechtsauffassungen, die es ermöglichen, das in der Diktatur Gesetzmäßige als widernatürliches Recht juristisch zu verfolgen? Wie stehen ökonomischer Wohlstand und historisch-politisches Bewusstsein in Konkurrenz zueinander?
Diese überzeitlichen Fragen stellten sich der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit. Schnell verdrängte das „Wirtschaftswunder den Terror des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Die Forderung nach einem „Schlussstrich klang schon in Adenauers Regierungserklärung 1949 an und durchdrang die Gesellschaft. Die Eliten in Wirtschaft und Politik entstammten oft den alten Funktionseliten, die Entnazifizierung hatte nur unzureichende Durchschlagskraft: Viele Täter hatten sich eine neue bürgerliche Existenz aufgebaut, federführende NS-Verbrecher waren ins Ausland geflüchtet. Was in den Konzentrationslagern geschehen war, wurde weder juristisch noch historisch aufgearbeitet.
Der für den Oscar 2016 nominierte Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens nimmt dies in den Blick: Er zeigt die Vorbereitung der Frankfurter Auschwitz-Prozesse von 1958, als Erschießungslisten aus Auschwitz an die Staatsanwaltschaft Frankfurt gelangten, bis zur Prozesseröffnung 1963.
In den 50er-Jahren betrieb der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer die Verfolgung derNS-Verbrechen mit Nachdruck, teils gegen massiven Widerstand von Politik und Justiz. In jüngster Zeit wurden ein Dokumentarfilm und drei Spielfilme produziert1, die sich mit ihm befassen einer ist Im Labyrinth des Schweigens.
Bauer ist in diesem Film Spiritus Rector der Ermittlungen, die dramaturgische Hauptfigur ist jedoch der junge Staatsanwalt Johann Radmann. Dieser treibt idealistisch, manchmal naiv die Ermittlungen voran und dient als Identifikationsfigur, während Bauer strategisch-politisch agiert, aber auch undurchschaubar ist, und Radmann unterstützt.
Die Figur Radmann hat historische Vorbilder in den drei Staatsanwälten, die die Ermittlungsarbeiten ausführten, ist aber ein fiktiver Charakter. Seine Freundschaft mit Journalisten, seine Beziehung mit einer erfolgreichen Modedesignerin und die mit ihr besuchten Partys der Frankfurter Oberschicht zeigen Wohlstand und Mentalität der Nachkriegsgesellschaft. Deren Hochglanzbilder kontrastiert der Film mit den Ermittlungen zu den KZ-Verbrechen: In den grauen Behördenräumen und auch meist graugrünen Außenbildern werden die Verbrechen in Wort und Mimik der überlebenden Opfer sowie der emotionalen Erschütterung der Ermittler gezeigt.
Intention
Wirtschaftswunder und Aufarbeitung der NS-Zeit sind in den Geschichtslehrplänen Randthemen. Die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen und politischen Mikrostrukturen ermöglicht aber historisches Lernen nicht nur auf der Ebene der Fakten und Ereignisse, sondern auch der Mentalitätsgeschichte: Die Täter verdrängen ihre Schuld, die Politik stellt Kalkül über die Aufklärung von Verbrechen, die Gesellschaft verliert angesichts materiellen Wohlstands das Interesse an der Verfolgung der Täter. All dies zeigt Im Labyrinth des Schweigens. Dies zu analysieren, fördert bei den Schülern zudem das Bewusstsein für aktuelles Zeitgeschehen: Immer noch werden KZ-Aufseher in der Bundesrepublik vor Gericht zur Verantwortung gezogen, in Den Haag arbeiten Internationale Gerichtshöfe Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf. Die Schüler
  • untersuchen einen Spielfilm aus historischer Perspektive und gelangen so zu einem gesellschaftlichen wie politischen Stimmungsbild der 50er-Jahre,
  • schärfen überzeitlich ihr Bewusstsein für den...

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