1. – 13. Schuljahr

Tilman von brand

Historisches Lernen im Literaturunterricht

Literarisches Verstehen und historisches Bewusstsein ein symbiotisches Verhältnis

Literatur und Geschichte sind untrennbar miteinander verbunden. Historisches Bewusstsein hilft beim Verstehen literarischer Texte, und der Umgang mit Literatur kann helfen, ein vertieftes Verständnis für Geschichte zu gewinnen. Dieses doppelte Potenzial sollte im Literaturunterricht genutzt werden.

Eine Ehefrau merkt des Nachts, dass ihr Mann heimlich Brot isst. Statt ihn zur Rede zu stellen, reicht sie ihm am nächsten Abend statt der üblichen drei sogar vier Scheiben. Wolfgang Borcherts berühmte Kurzgeschichte Das Brot wird auf die meisten Leserinnen und Leser heute befremdlich wirken: Warum isst der Mann heimlich? Warum deckt die Frau die Tat nicht auf? Warum gibt sie ihm am nächsten Abend eine ihrer Scheiben, anstatt einfach neues Brot zu kaufen? Dies könnten Fragen sein, die der Text provoziert, wenn man seine historische Dimension nicht erkennt, denn der Text enthält keine expliziten Angaben darüber, in welcher Zeit die Handlung angesetzt ist. Die Kenntnis des Autors oder des Entstehungsjahrs könnten allerdings dabei helfen, Vorwissen zu aktivieren, um diese so notwendigen Hintergrundinformationen auf den Text zu projizieren: Es ist ein Text der Nachkriegszeit. Große Teile Deutschlands waren zerstört. Die Lebensmittel waren knapp und rationiert Allein mit diesen wenigen Informationen erhält der Text ganz neue Sinndimensionen: Der Mann hat in egoistischer Weise seine Frau hintergangen, da er heimlich von der gemeinsamen knappen Nahrungsration gegessen hat. Die Möglichkeit, einfach weitere Lebensmittel zu kaufen, hat es nicht gegeben. Der Mann hat aber möglicherweise aus einer Notsituation heraus gehandelt, die ihm wohl peinlich war: Hunger, eine Erfahrung die im heutigen Deutschland für die meisten jenseits der Vorstellungskraft liegt.
Die historischen Informationen helfen hier, einen literarischen Text (besser) zu verstehen. Und obwohl es dieses konkrete Ehepaar wohl nie gegeben hat, kann der Text wiederum auch ein vertieftes historisches Verständnis befördern, indem er einen empathischen Einblick in das Alltagsleben eines Ehepaares der Nachkriegszeit gewährt, der ein Bewusstsein schaffen oder erweitern kann für die Situation, in der sich Menschen unmittelbar nach dem Krieg befunden haben. Diese im besten Fall positive Wechselwirkung von Geschichte und Literatur nimmt dieses Heft in den Blick und möchte Wege aufzeigen, sie im Unterricht zu befördern. Historisches Lernen im Literaturunterricht umfasst in diesem Sinne immer zwei Dimensionen, die sich durch folgende Fragen didaktisch operationalisieren lassen:
  • Wie gelingt es einerseits, entweder Vorwissen zu aktivieren oder zusätzliche Informationen zu erlangen, um literarische Texte (besser) zu verstehen?
  • Und wie kann man andererseits die im fiktionalen Text gegebenen Informationen für die Entwicklung des eigenen Geschichtsbewusstseins nutzen?
Historisches Lernen Wildern in fremden Domänen?
Die Initiierung historischen Lernens ist eigentlich nicht Aufgabe des Deutschunterrichts. Sie ist im Rahmen des Faches Geschichte angelegt. Dementsprechend sehen die nationalen Bildungsstandards das historische Lernen im Fach Deutsch nicht ausdrücklich vor. Lediglich vage wird auf historische Hintergründe von Literatur hingewiesen. So heißt es beispielsweise in den Standards für den Mittleren Schulabschluss: „Zusammenhänge zwischen Text, Entstehungszeit und Leben des Autors/der Autorin bei der Arbeit an Texten aus Gegenwart und Vergangenheit herstellen (S. 16). Ansonsten ist vor allem von „Orientierungswissen in Sprache und Literatur (S. 11) oder der „Bedeutung kulturelle[r] Traditionen und ästhetischer Vorstellungen für die gesellschaftliche Entwicklung (S. 8) die Rede. Die Bildungsstandards für das Abitur sind nur wenig konkreter. Hier wird zunächst allgemein „literaturgeschichtliches...

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