9. – 10. Schuljahr

Jens-Peter Kurzella

Die „mutige Irmina und der böse Meinrich?

Historische Perspektivenübernahme und Werturteilskompetenz durch eine Graphic Novel

Die Graphic Novel Irmina thematisiert die Lebensgeschichte einer jungen Frau vor, während und nach der Nazi-Zeit. Historisches und literaturästhetisches Lernen wird in Bild und Text für die Schülerinnen und Schüler erfahrbar.

In der 2015 als Paperback-Ausgabe erschienenen Graphic Novel Irmina von Barbara Yelin verarbeitet die Künstlerin von ihrer Großmutter hinterlassene Briefe und Tagebuchnotizen mit allen erzählerischen Freiheiten zu einer spannend konzipierten und atmosphärisch dicht gestalteten Geschichte. Darin erzählt sie von drei Lebensabschnitten der Protagonistin, in denen Partnerschaften angebahnt und verschiedene Modelle der Lebensplanung verhandelt werden. Sie konfrontiert Irmina dabei zunächst während ihres Aufenthaltes in England mit der Diskriminierung ihres farbigen Freundes Howard, gegen die sie engagiert einschreitet, und später mit der Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Mitbürger in Deutschland, die sie als Ehefrau eines SS-Mannes duldet. Im Wesentlichen spielt die Graphic Novel zur Zeit der NS-Herrschaft, die im ersten Teil (London 1934/35) zunächst nur indirekt aufscheint, im zweiten Teil (Berlin 193743) dann Text und Bebilderung dominiert und im dritten Teil auf Barbados (1983) immer noch den Referenzrahmen bei der Bewertung von Irminas Verhalten abgibt.
Historische Ereignisse spielen im Text als Auslöser von Entscheidungen eine bedeutsame Rolle und werden auch über verschiedene Realitätspartikel (Briefe, Zeitungsschlagzeilen, Radioansprachen etc.) in den Handlungskontext eingefügt. Weiteres Potenzial für historisches Lernen bietet die Graphic Novel Irmina durch die ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten dieses Genres (Praxis Deutsch 252, 2015).
Intention
Über die Beschäftigung mit diesem fiktionalen Text lassen sich für die Schülerinnen und Schüler vergangene Ereignisse besonders eindrücklich vergegenwärtigen. Es sind gerade „Bilder vom Alltagsleben, [] soziale Verhältnisse, [] Wohnverhältnisse, Tagesabläufe, Geschlechterbeziehungen (Sauer 2015, S. 4), die bei den Lesern Emotionen und Identifikation auslösen. Sie werden hier visualisiert und helfen dabei, den Text kulturgeschichtlich zu verorten. Wenn man Lernen so versteht, dass fortwährend Wissensbestände aufgebaut, erweitert und neu vernetzt werden, dann bietet ein bildunterstützter Abgleich geschichtlicher Informationen mit dem häufig ebenfalls bildhaft gespeicherten Vorwissen der Schülerinnen und Schüler Möglichkeiten für historisches Lernen. Außerdem steht die Vielschichtigkeit der Erzählung, die durch Perspektiv- bzw. Erzählerwechsel erreicht wird, einer einseitigen Deutung entgegen. Das Zusammentragen und Infragestellen von Textinformationen zu literarischen Figuren und die Erarbeitung ihrer Motive und Absichten fördern neben historischen (Conrad 2011) auch literarische Kompetenzen:
Verständnis für historische Zusammenhänge
Faktuales Quellenmaterial wird in die fiktive Gesamthandlung der Graphic Novel eingebettet, sodass über die Darstellung des Einzelschicksals von Irmina hinaus ein Verständnis für historische Zusammenhänge ermöglicht wird. Auswahl und Vernetzung der Einzelinformationen zeigen zudem den Konstruktionscharakter von Geschichte.
Texthybride produzieren
Durch die Produktion von Texthybriden aus fiktiven und historisch überprüfbaren Elementen sollen die Schülerinnen und Schüler eigene Deutungen entwickeln und dabei vorgegebene Zusammenhänge der Erzählung neu arrangieren, erweitert und modifizieren. Sie nutzen und füllen dadurch nicht nur ihre verfügbaren historischen Register, sondern erleben auch, in welchem Rahmen ein fiktionaler Text Authentizität entfalten und beanspruchen kann.
Ästhetische Wirkung reflektieren
Außerdem bietet die Graphic Novel als „bildhafte Sichtbarmachung von Denkprozessen (Zimmer2012, S. 31) zusätzliche Chancen für li...

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