11. – 13. Schuljahr

Kristina Koebe

Über eine Welt zwischen den Buchdeckeln hinaus

Juli Zehs Roman Unterleuten als Auslotung der Grenzen zwischen Faktualität und Fiktionalität

Das Unterrichtsmodell arbeitet mit dem sehr umfangreichen Gesellschaftsroman, ohne dessen vollständige Lektüre vorauszusetzen. Vielmehr nutzt es ausgewählte Kapitel und Begleittexte so, dass zwei außergewöhnliche Konstruktionsprinzipien durch handlungs- und produktionsorientierte Verfahren verdeutlicht und in ihren spannenden Konsequenzen diskutierbar werden.

Juli Zehs im Jahr 2016 erschienener Roman wurde mit dem Slogan beworben „Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Er entwickelt das vielschichtige Bild eines fiktiven Dorfes in Brandenburg, das eben nur auf den ersten Blick idyllisch ist. Im Laufe des Romans entfaltet sich ein immer komplexeres Netz aus tragischen Schicksalen, zwischenmenschlichen Spannungen, Berechnungen, Kränkungen und Abhängigkeiten, durch das schrittweise zutage tritt, wie unzufrieden oder sogar unglücklich viele der Protagonist*innen in Wahrheit sind. Eine maßgebliche Besonderheit des Textes liegt in der Art der Narration: Erzählt wird all dies aus quasi-personaler Perspektive, die mit jedem Kapitel zu einer anderen Figur wechselt, und damit insgesamt neun Charaktere ihre figurenspezifische Sicht auf den Ort und die literarischen Mitmenschen entwickeln lässt, wobei dies stilistisch als (jeweils) auktoriales Erzählen daherkommt. Was der Autorin dadurch gelingt, ist eine hohe Komplexität der Darstellung durch die immer neue Verunsicherung in der Bewertung der Figuren und Ereignisse. Aber der Roman hat auch noch eine zweite Besonderheit: Juli Zeh betritt literarisches Neuland, indem sie über das eigentliche literarische Werk hinausgehend Texte und Präsentationen verfasst, einige davon mit Erscheinen von Unterleuten verfügbar, andere in Interaktion mit den Leser*innen und aus deren Reaktionen auf den Text heraus entwickelt und diesen quasi nachträglich erweiternd. So versieht die Autorin ausgewählte Charaktere mit Xing- und Facebook-Profilen, eine davon, die literarische Figur Manfred Gortz, sogar mit einer eigenen Website. Außerdem gibt es eigene Youtube-Filme und eine eigene Publikation: die im Buchhandel erhältliche Gortz-Veröffentlichung Mein Erfolg. Sie alle sind ebenfalls von Zeh verfasst, aber erst bei näherer Auseinandersetzung als fiktiv erkennbar, zumal die Autorin für diese Gratwanderungen zwischen faktualer und fiktionaler Welt Figuren ausgesucht hat, zu deren literarischem Charakter ein solches Medium passen würde. Das damit begonnene Spiel führt Zeh in bemerkenswertem Umfang fort: Auf der zum Roman erstellten Website (http://www.unterleuten.de) findet sich eine Präsentation des Ortes, die dem Leser den Eindruck vermittelt, der Roman bezöge sich auf ein real existierendes Dorf. Es gibt eine Charakteristik mit geographischen Daten, einen Plan des Ortes und kurze Präsentationen der für die Romanhandlung relevanten Bewohner*innen, ortsansässiger Unternehmen (des Landwirtschaftsbetriebes Ökologica und des Lokals Märkischer Landmann) und besonderer Plätze (des Waldes, des Hügels Schiefe Kappe, der Polizei, des Objekts 108 etc.). Dass die Figurencharakteristiken mit Lebensdaten, Geburtsorten und Berufsbezeichnungen einhergehen, signalisiert ebenso Faktualität wie der Umstand, dass sich in der Liste der Handelnden ohne sichtbare Hervorhebung eine real existierende Person findet: der durch häufige Beteiligung an öffentlichen Diskursen recht bekannte Politologe Herfried Münkler (im Roman selbst eigentlich nur an einer Stelle beiläufig erwähnt). Den Eindruck des eingewobenen Faktischen weiter verstärkend, haben der ortsansässige Vogelschutzbund, der Dorfgasthof und die im Roman einen zentralen Konflikt auslösende Windparkplaner eigene Websites („Mit VentoDirect planen und bauen Sie Ihr Windparkprojekt nach höchsten technischen Standards und interessanten Investitionsmöglichkeiten im Bereich...

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