8. – 9. Schuljahr

Christel Meier

Literarisches Lernen durch Verfilmen

Eine handlungs- und produktionsorientierte Perspektive auf Gabriele Wohmanns Kurzgeschichtenklassiker Die Klavierstunde

Ein Junge, der auf dem Weg zum Klavierunterricht über Flucht nachdenkt, und eine Klavierlehrerin, die im Vorfeld des Unterrichts Migräneattacken erleidet. In diesem Modell sorgen das Zeichnen von Skizzen, ein Rollenspiel und ein Kurzfilmprojekt für Textverstehen und Perspektivenübernahme.

In etlichen literarischen Texten werden Schreibweisen verwendet, die an Verfahren des Films erinnern. So fällt z.B. in den Kurzgeschichtenklassikern An diesem Dienstag von Wolfgang Borchert (1947), Ein Kind töten von Stig Dagerman (1954) oder Die Klavierstunde von Gabriele Wohmann (1957) die Schnitt- und Montagetechnik auf, wie sie auch in aktuelleren Kurzgeschichten wie Milena Mosers Der Hund hinkt (1998) oder Romanen wie Verena Boos Blutorangen (2015) eingesetzt wird. Der folgende Unterrichtsvorschlag zeigt modellhaft, wie man durch das Experimentieren mit dem Verfilmen solcher Texte ihrer Machart sowie Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Kurzgeschichten und -filmen auf den Grund gehen kann. Die Digitalmedien Handy und Tablet bieten heute niedrigschwellige Möglichkeiten für solch einen handlungs- und produktions orientierten trans- und intermedialen Literaturunterricht.
Die Klavierstunde
In Gabriele Wohmanns bekannter Kurzgeschichte Die Klavierstunde werden in immer enger gesetzten Schnitten die letzten Minuten vor einer Klavierstunde in „Parallelmontage bzw. „Cross Cutting (vgl. Staiger 2008, S.14) aus zwei Perspektiven erzählt: aus der Sicht des widerstrebenden Jungen, dem diese Klavierstunden verhasst sind, und aus der Perspektive der Klavierlehrerin, die im Vorfeld der Stunde mit dem untalentierten Schüler eine Migräneattacke erleidet. Dass keine der Figuren den Ausbruch wagt und diese Klavierstunde am Ende tatsächlich stattfindet, bietet einen interessanten Diskussionsanlass.
Identifikation und Fremdverstehen
Auch wenn ungeliebte Klavierstunden als bildungsbürgerliches Relikt heute seltener sein dürften als in den 50er-Jahren und ein Metronom sicher nicht mehr zum selbstverständlichen Weltwissen Jugendlicher zählt, ist die Kern situation der Geschichte doch nach wie vor aktuell. Die Identifikation mit dem Jungen, der auf dem Weg zum ungeliebten Unterricht über Fluchtmöglichkeiten und die damit verbundenen Konsequenzen nachdenkt, dürfte Jugendlichen daher leichtfallen. Herausfordernder ist, dass auch die Perspektive der Lehrerin gezeigt wird – eine Gelegenheit für Fremdverstehen, wie sie häufig als Zielsetzung handlungs- und produktionsorientierter Verfahren formuliert wird.
Filmisches Erzählen
Formal interessant sind an dieser Geschichte Gemeinsamkeiten und Unterschiede des schriftliterarischen Textes zum Medium Film. Denn es gibt etliche Gestaltungsformen, die auch in einer Verfilmung eingesetzt werden könnten oder sogar an filmisches Erzählen erinnern. Dazu gehören Nahaufnahmen, Leitsymbole, Raumsymbolik, Rückblenden und Montagetechnik.
An Nahaufnahmen erinnern in Wohmanns Kurzgeschichte Passagen zu Körperteilen (z.B. „verschwitzte Knabenfinger, Wohmann 1966, S.68), Natureindrücken („die flackernden Sonnen kleckse auf dem Kiesweg, S.67) oder Gegenständen („der glitzernde Zeiger des Metronoms, S.68). Leitsymbole sind neben dem „Metronom (S.68, 70) z.B. die fünfmal erwähnte „Mappe (S.6870), das zweimal beschworene „Reklameband mit dem Schriftzug „Kopfschmerzen (S.68f.), der „Slogan „wegschicken (zweimal S.69)oder der viermal thematisierte „Waschlappen (S.68f.). Filmisch umsetzbar ist auch die Kontrastierung des lichtdurchfluteten Sehnsuchts-, Freiheits- und Naturraums, durch den der Junge sich bewegt, mit dem sterilen, finsteren und abgeschlossenen Unterrichtsraum. Besonders spannend ist dabei die Gestaltung der ‚Vorhölle des Klavierunterrichts„[h]inter dem Eisengitter, wo „unfarbige leblose...

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