10. – 11. Schuljahr

Alexander Hallet

Literarisches Lernen durch Graphic Novels

Produktionsorientiertes Arbeiten mit Franz Kafkas Die Verwandlung

Die Erzählung Die Verwandlung schildert die Veränderungen Gregor Samsas und seiner Schwester Grete besonders anschaulich und für Lernende gut nachvollziehbar. Sie bietet somit gute Möglichkeiten, die Szenen in Form einer Graphic Novel zu visualisieren und sich produktiv mit ihr auseinanderzusetzen.

In den letzten Jahren sind einige Texte Franz Kafkas in Form von Graphic Novels bzw. Literatur-Comics adaptiert worden, so z.B. Der Process, Die Verwandlung oder Das Urteil. Die hohe Anzahl an solchen Adaptionen ist kein Zufall. Kafkas Texte zeichnen sich durch einen hohen Grad an Plastizität und Visualität aus, bieten aber auch genügend Leerstellen: „Die in Kafkas Texten dargestellte Welt scheint oft aus einer Bildschrift zu bestehen, deren Zeichen sich bewegen, wandern, marschieren, kreiseln – von rätselhafter Solidität und dabei im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne unfasslich (Schmitz-Emans 2016, S.176). Die Graphic Novels greifen diese Bildlichkeit auf und bieten neue Interpretations ansätze. Dabei macht die hohe Qualität der Kafka-Adaptionen diese für den Literaturunterricht attraktiv und ist für die Erschließung der Kafka-Texte hilfreich. So hat z.B. Anja Ballis schon 2013 ein Modell zur Erschließung der Verwandlung mithilfe der gelungenen Graphic-Novel-Adaption von Eric Corbeyran und Richard Horne erarbeitet. Über einen solchen Ansatz hinaus regen die Adaptionen aber auch zur Produktion eigener Graphic-Novel-Entwürfe an.
Intentionen
Das Ziel der Unterrichtseinheit ist, die Lernenden zu Kafkas Verwandlung Panel-Sequenzen, also Bildabfolgen, wie sie für Graphic Novels und Comics typisch sind, entwerfen zu lassen. So soll die Erschließung der literarischen Vorlage, die im Zentrum der Unterrichtsreihe steht, gefördert werden. Die Verwandlung Gregors in ein Ungeziefer kann als Ausdruck seiner Selbstentfremdung begriffen werden. Das Innere des Protagonisten kehrt sich gleichsam ins Äußere. Gregor ist nicht länger imstande, die ihm aufgetragene Rolle des Ernährers auszuüben und seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Freilich trifft der Titel auch auf den Vater Gregors und die Schwester, Grete, zu. Beide verwandeln sich im Laufe der Erzählung in ihrer äußerlichen Gestalt und in ihrer sozialen Stellung konträr zu Gregor. Eine umfassende Interpretation der Erzählung soll jedoch nicht der eigentliche Gegenstand des hier vorgestellten Ansatzes sein. Der Fokus liegt auf der Ausgestaltung zweier Textstellen in Form von Panel-Sequenzen und dem damit verbundenen Erschließungspotenzial für das literarische Lernen. Dazu sollen die Exposition, die Gregors Metamorphose thematisiert, und die Schlussszene, die auf Gretes Verwandlung zielt, in den Blick genommen werden.
Multimodales Lernen anhand der Graphic Novel
Es gibt mehrere Gründe, warum der hier vorgestellte produktionsorientierte Ansatz für Kafkas Text das literarische Lernen fördert. Die Lernenden können erstens den Text in seinen Tiefenstrukturen gründlicher erschließen (narrative Struktur, poetische Visualität, zentrale Motive und Symbole, Atmosphäre usw.). Sie lernen, dass das gleiche Narrativ in verschiedenen Zeichensystemen realisiert werden kann und erhalten Einblick in eine verbreitete ästhetische und kulturelle Praxis. Die Lernenden finden zweitens Wege, die Graphic Novel als eigenes Erzählmedium zu nutzen und als Ausdrucksform des eigenen Textverstehens zu erfahren (vgl. Wrobel 2015, S.11). Indem die Lernenden eigene Panels zu Kafkas Verwandlung gestalten, setzen sie sich produktiv mit der Visualisierung bestimmter Elemente des Erzähltextes, der zu wählenden Perspektive, der Farbgebung, der konkreten Darstellung von Figuren und Räumen und den einzubauenden Erzählelementen (z.B. Sprech- und Gedankenblasen, Entlinearisierung des Originaltextes etc.) auseinander. Während im normalen Lesevorgang die...

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