5. – 13. Schuljahr

Tilman von Brand

Handlungs- und Produktionsorientierung im Literaturunterricht

Vor 25 Jahren erschien die erste Ausgabe von PRAXIS DEUTSCH zum Thema Handlungs- und Produktionsorientierung. Seitdem ist viel passiert: Die Medialisierung hat den Unterricht ebenso verändert wie Kompetenzorientierung und Standardisierung. Heterogenität und Inklusion erfordern mehr denn je, den Unterricht so auszurichten, dass er den vielfältigen Lernvoraussetzungen der Lernenden gerecht wird. Zeit also, sich ein methodisches Konzept genauer anzusehen, das an Aktualität und Potenzial für den Deutschunterricht nichts eingebüßt hat, seit dessen Etablierung jedoch stets der Gefahr der Verselbstständigung unterlag.

„Hanna führt ein Tagebuch. lautet ein „Schreibanlass in einem Arbeitsheft für Schülerinnen und Schüler zu Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser (Heddrich 2008, S.15). Präzisierend werden den Lernenden noch Fragestellungen an die Hand gegeben: „Was könnte Hanna über diese Freundschaft zu Michael und ihre Beweggründe, diese intime Beziehung auszuleben, sagen? Welche Gründe treiben Hanna dazu, die Nähe eines Jungen zu suchen? Warum ist gerade dieser junge Schüler ein wünschenswerter Partner bzw. Freund? (ebd.) Diese Fragen weisen in Richtung bedeutender Leerstellen des Romans, und Hanna Schmitz ist jemand, über deren Innenleben der Leser in der Tat wenig erfährt, worüber man aber gern mehr erfahren würde. Sich der Innenperspektive dieser verschlossenen Figur über einen fiktiven Tagebucheintrag zu nähern, liegt also nahe. Die Aufgabe kann helfen, sich in sie einzufühlen, da zur Bewältigung ihre Perspektive eingenommen werden muss. Auch hilft die situative Rahmung dabei, die Funktion und die Relevanz des zu schreibenden Textes zu erkennen. Durch das Verfassen wird den Schreibenden auch die Produziertheit der Romanvorlage bewusst, indem sie ihn in einem wichtigen Aspekt konkretisieren und dafür passende Worte finden müssen.
Es gibt nun aber ein kleines, aber sehr verhängnisvolles, Problem: Hanna Schmitz ist Analphabetin. Um sich in diese Figur einzufühlen, ist das Schreiben daher kein gangbarer Weg. Man wird zwar einige der gewünschten Erkenntnisse gewinnen können, diese stehen jedoch unter dem Vorbehalt einer fehlerhaften Einfühlung. Hier ist eine gute Chance vermutlich aus Unachtsamkeit vergeben worden. Realistischer und damit auch didaktisch sinnvoller wäre beispielsweise das Besprechen eines Tonbandes o.Ä. gewesen. Chancen und Gefahren der Handlungs- und Produktionsorientierung liegen seit jeher dicht beieinander.
Blick zurück nach vorn
Vor 25 Jahren erschien mit Handlungs- und produktionsorien tierter Literarturunterricht einer der folgenreichsten Beiträge nicht nur der Praxis Deutsch-Geschichte, sondern der Litera turdidaktik überhaupt: Gerhard Haas, Wolfgang Menzel und Kaspar H. Spinner fassten in ihrem „Manifest (Fingerhut 1994, S.360) prägnant zusammen, was seit Mitte der 80er-Jahre unter verschiedenen Labels an Konzepten und Modellen zu einem Literaturunterricht vorgelegt und diskutiert wurde, der nicht mehr rein analytisch verlaufen sollte, sondern ein aktives Tun an und mit Texten vorsah und die Lernenden vom „Gängelband des Frage- und Antwortspiels (Otto Karstädt 1927 – zit. n. Spinner 2004, S.249) befreite. Erklärtes Ziel war es, allen „Begabungstypen und Fähigkeiten gerecht [zu] werden und die Lernenden auch „in ihrer Sinnlichkeit, ihren Gefühlen, ihrer Fantasie, ihrem Tätigkeitsdrang anzusprechen (Haas/Menzel/Spinner 1994, S.17).
Bei aller Kritik an fragend-entwickelnden und rein kognitiv-analytischen Zugängen stand als Zieldimension das Verstehen von Texten nie ernsthaft infrage (vgl. Fingerhut 1987; Müller- Michaels 1984; Paefgen 2006, S.141f.; Spinner 2004, S.251f.). Der Verstehensbegriff ist dabei weit gefasst und meint auch emotionale oder affektive Erschließungsformen, die aber auch einen „Beitrag zur Text analysekompetenz (Spinner 2004b, S.253) leisten sollen....

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen