4. – 6. Schuljahr

Nicola König

Gedichte sindverdichtete Gedanken

Digitale Zugriffe im handelnden Umgang mit Lyrik

Gedichte sind verdichtete Texte, da alle unwichtigen Wörter weggelassen werden. Diese Erfahrung macht die Lerngruppe, wenn sie einen Prosatext soweit kürzt, dass ein Gedicht übrig bleibt.

Gedichte weisen aufgrund ihrer gesteigerten Zeichenhaftigkeit und ihrer Mehrdeutigkeit die größte Differenz zur gesprochenen und geschriebenen Alltagssprache auf; dies erschwert besonders in der Mittel- und Oberstufe einen unterrichtlichen Zugriff, der sich häufig auf eine Analyse der grammatischen und metrischen Abweichungen ebenso wie auf die Dekodierung der Bildlichkeit konzentriert. Dabei sorgen Prägnanz und Kürze der Gedichte nicht nur dafür, Lesehemmungen abzubauen und durch mehrfaches Lesen verschiedene Lesetechniken einzuüben. Besonders die Bildlichkeit und das spielerische Überschreiten der Sprachnormen ermöglichen bereits zu Beginn der Sekundarstufe I einen handlungs- und produktionsorientierten Zugang zu Lyrik.
Im Zentrum der Unterrichtsanregung steht das Wahrnehmen und Sichtbarmachen der Differenz, die zwischen Prosatexten und Lyrik besteht. Ausgehend von einer kurzen Erzählung zu Günther Grass Gedicht Fallobst werden die Umformungs- und Produktions-übungen dabei mit einem Textverarbeitungsprogramm durchgeführt. Dies entlastet zum einen den Schreibprozess und macht zum anderen den Überarbeitungsprozess sichtbar und nachvollziehbar; gleichzeitig ermöglicht es ein spielerisches Ausprobieren verschiedener Gedichtvarianten, die den Zusammenhang zwischen Form und Inhalt erfahrbar machen.
Intentionen
Um die Merkmale der Lyrik und die Besonderheiten der Gattung kennenzulernen, setzen sich die Lernenden mit der Produktion von Gedichten auseinander. Durch das Kürzen eines Prosatextes sollen die Unterschiede zwischen Prosa und Lyrik erfahren werden. Im Zentrum steht dabei die Beschäftigung mit der Kürze und semantischen Dichte von Gedichten sowie der Gebundenheit der Rede. Um eine kurze Erzählung in ein Gedicht umformen zu können, sind die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, die zentralen Bilder und Stimmungen wahrzunehmen und auszuwählen. Sie entscheiden sich für Formulierungen und Inhalte, die ihnen besonders gelungen erscheinen. Das Verfahren ermöglicht somit eine intensive, subjektive Wahrnehmung des Textes. Die Textrezeption wird zunächst verlangsamt, der Schreibprozess hingegen wird durch die digitale Präsentation und Überarbeitung des Textes entlastet, sodass im Zentrum die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Fassungen des Gedichtes stehen kann. Die Schülerinnen und Schüler erlernen einfache technische Grundlagen im Umgang mit Word und der Überarbeitung von Texten.
Unterricht
Ausgangspunkt ist das Gedicht Fallobst von Günter Grass, dessen Verdichtung in einer kurzen, an der Alltagswelt der Schülerinnen und Schüler orientierten, Erzählung über einen Wanderer (Material 1 ) aufgelöst wird.
Die Bilder und die implizit dargestellte Stimmung des Gedichts sind in eine explizite Handlung überführt, Zeitsprünge aufgehoben und Ellipsen in vollständige Sätze eines Prosatextes umgewandelt. Die Wortstellung des Gedichts jedoch findet sich original in dem Text Der Wanderer und das Fallobst wieder, sodass eine Gegenüberstellung der beiden Texte im Anschluss an die Bearbeitung der Aufgabe geleistet werden kann.
Zunächst liest die Lehrkraft die kurze Erzählung in der Klasse vor. Die individuellen Zugänge zu dem Prosatext (Material 1) werden durch den Auftrag geschaffen, die Erzählung von 191 Worten auf ca. 1/6 zu kürzen. Dabei veranschaulicht das Bild der Diät – den Verzicht auf Überflüssiges – das Prinzip der Verdichtung. Einen Text zu kürzen stellt zunächst eine niedrigschwellige produktive Aufgabe dar, da keine eigenen Formulierungen gewählt werden müssen. Die Lernenden haben erfahrungsgemäß beim Streichen weniger Hemmungen, etwas falsch zu machen oder nicht kreativ genug zu sein, da das Textmaterial...

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