11. – 13. Schuljahr

Karl-Wilhelm Schmidt

„Der, der niemand ist, muss endlich heim …“

Die Erzählung Frösche im Meer im handlungs- und produktionsorientierten Unterricht der Oberstufe

Tanja Maljartschuks Siegertext des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2018 lädt zur Beschäftigung mit aktueller Kurzprosa ein. Die „gut gemachte Parabel vereint präsente Themen wie Flucht, Pflegenotstand und Demenz und bietet sinnvolle Möglichkeiten der handlungs- und produktionsorientierten Auseinandersetzung.

Außenseitersiege sind nicht nur im Sport selten und wecken Interesse. Die Auszeichnung des Textes Frösche im Meer1 der aus der Ukraine stammenden, in Wien lebenden und erst seit wenigen Jahren in deutscher Sprache schreibenden Autorin Tanja Maljartschuk beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2018 war eine große Überraschung2. Die Jury3 kam in seltener Einigkeit zu dem Ergebnis, dass die Verlage großes Interesse an dem Text zeigen, ja sich um ihn „reißen (Klaus Kastberger) werden.
Nora Gomringers einleitendes Statement, Frösche im Meer sei eine „schöne Erzählung, glatt gemacht und Insa Wilkes Einschätzung, es handele sich um eine „einfache Geschichte, die kompliziert sei, deuten die Vorzüge des Textes an: Frösche im Meer ist eine handwerklich gut gemachte Geschichte, die unterschiedliche Lesarten ermöglicht und die Merkmale einer Erzählung aufweist. Im Rahmen einer Auseinandersetzung mit zentralen Gattungskriterien wie Länge, Aufbau, Pointierung und Realitätsorientierung kann diese Zuschreibung problematisiert werden, zumal die Beschäftigung mit Kurzprosa im Oberstufen-Curriculum verankert ist. Dass eine „richtige Geschichte (Michael Wiederstein) erzählt wird, die auch Schülerinnen und Schüler anspricht, verdeutlicht ein Blick auf die Handlung (vgl. Kasten).
Die Handlung
Die Handlung
Tanja Maljartschuks Kurzprosa Frösche im Meer erzählt die Geschichte Petros, der „seinen Pass in kleine Stücke zerrissen und an einem schönen sonnigen Sonntagnachmittag in die Donau geworfen hat, sodass ihm „nur noch der Vorname und die Erinnerung bleiben. Erinnerungen an seine Jugendliebe Natalka oder an die Gerüche des kleinen Heimatdorfes besitzt er laut eigener Aussage nicht, der Vater ist „eines Tages einfach weg gewesen, die Mutter tot, das Elternhaus eine einsturzgefährdete Ruine.
Eines Tages lernt er im Schlosspark, wo er, „schmal und spindel dürr wie sein Besen, als Park kehrer arbeitet, die über neunzigjährige Frau Grill kennen. Diese liebt den täglichen Spaziergang im Park und fragt ihn, ob er an seinem Arbeitsplatz jemals Frösche gesehen habe, was der überraschte Petro verneint. Als Frau Grills Parkbesuche im Frühjahr ausbleiben, macht Petro sich Sorgen und besucht die alte Dame in ihrer Wohnung.
Dort muss er erkennen, dass Frau Grill diese aufgrund ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr verlassen kann. Für Abwechslung sorgen allein jene Frösche, auf die Petro aufpassen soll, um sie nicht zu „zerquetschen. Von nun an versorgt Petro anstelle der Nichte Frau Grill, bis eines Tages ein Polizist und zwei Frauen vor der Tür stehen. Die türkische Nachbarin, nach deren Meinung Frau Grill „eine Gefahr für das ganze Haus darstelle, sowie eine Unbekannte mit zwei Kampfhunden beschuldigen Petro, ein „Perverser zu sein, der alte Frauen bedränge. Während dieser die Augen schließt, begibt sich Frau Grill zum geöffneten Wohnungsfenster – aus Angst um ihre Frösche.
Kultur der Gegenwart
Indem sie die Flüchtlingsproblematik am Beispiel Petros, der aus Osteuropa stammt und ohne Pass und Familie als Parkkehrer in Deutschland lebt, veranschaulicht, greift die Erzählung ein – nicht nur in den Medien allgegenwärtiges Thema – auf. Der Text lässt sich somit als „komplexe Parabel (Stefan Gmünder) lesen. Im Unterricht wäre zu diskutieren, inwiefern Maljartschuk tatsächlich gesellschaftskritische Intentionen verfolgt. Führt ihre Parabel auf anschauliche Weise einen Einzelfall vor, der von allgemeinem Interesse ist? Geht es Maljartschuk um Aufklärung,...

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