6. – 7. Schuljahr

Johanna Flick & Renata Szczepaniak

Wir sind am Überlegen

Wie akzeptabel ist der am-Progressiv? Grammatische Entwicklungstendenzen aufspüren

Wer sich einmal mit dem am-Progressiv beschäftigt, hört und sieht ihn plötzlich überall nicht nur in den westlichen Dialekten, sondern auch in der überregionalen Umgangssprache und sogar in Zeitungstexten. Aber warum klingen manche Sätze (Ich bin am Arbeiten) besser als andere (Ich bin am Hoffen)? Wovon die Akzeptanz des am-Progressivs abhängt, kann mithilfe dieses Unterrichtsmodells entdeckt werden.

Sätze wie Bist du noch am Arbeiten? oder Ich bin gerade am Überlegen kennen wir vor allem aus der gesprochenen (Umgangs-)Sprache. Doch auch in der Schriftsprache ist der sogenannte am-Progressiv zu finden. So heißt es beispielsweise in einem Artikel: „Die Erstklässler sollen Mengen einkreisen. Während ihre Klassenkameraden längst fertig sind, ist Lea noch am Zählen. (Zeit Online: http://www.zeit.de/2011/29/C-Dyskalkulie, Zugriff am 11.04.2017). An diesem Textausschnitt lässt sich die Funktion des am-Progressivs (Verlaufsform) gut ablesen: Eine Handlung wie das Zählen im angeführten Zitat wird als länger andauernd und damit „im Verlauf wahrgenommen. Oft benutzt man den am-Progressiv in Verbindung mit Temporalangaben (gerade, im Moment), um zu verdeutlichen, dass eine Handlung wie Zählen oder Lesen zum genannten Zeitpunkt gerade abläuft, z.B. Sie ist gerade/im Moment am Lesen (sieheAbb. 1 ).
Zum Ausdruck der Progressivität verfügen viele Sprachen über eindeutige grammatische Muster, z.B. werden im Englischen Konstruk-tionen aus to be und ing-Form des Vollverbs verwendet: I am/was/have been working, I am/was/havebeen reading (a book). Während das englische Progressive ein fester Bestandteil der Verbalflexionist, stellen die Verlaufsformen im Deutschen viele Sprecherinnen und Sprecher vor Entscheidungsprobleme. Dies zeigt auch die folgende Konversation, die auf forum.wordreference.com geführt wurde:
Frage von T. (03.07.2008):
„Er ist am Überlegen, oder „Ich bin am Arbeiten Diese Konstruktion ist doch in der Umgangssprache üblich, um auszudrücken, was jemand gerade im Moment tut. Meine Frage: Ist sie mittlerweile auch im Schrift-Deutsch korrekt und zulässig? Vor 30 Jahren war sie es noch nicht, aber das kann sich ja inzwischen geändert haben.
Antwort von S. (03.07.2008):
Nein. Diese Konstruktion ist Umgangssprache. Wenn es nicht gerade darum geht, Dialog wiederzugeben, wird sie schriftsprachlich nicht akzeptiert. Man kann stattdessen leicht „beim benutzen. Ich bin noch beim Arbeiten/Überlegen. (vgl. Duden #9, Richtiges und gutes Deutsch, 2001)
In dem abgedruckten Meinungsaustausch zweifelt T. daran, dass Verlaufsformen wie Ich bin am Arbeiten oder Ich bin am Überlegen in der (schriftlichen) Standard-sprache (schon) korrekt sind. Die Annahme, dass diese womöglich schon als standardsprachlich akzeptiert werden, quittiert S. mit einem lapidaren Nein. Mit Verweis auf die Duden-Grammatik wird anschließend darauf hingewiesen, dass die schriftsprachliche Form ganz leicht mit beim zu bilden ist. Dieser Meinungsaustausch zeigt, dass die Akzeptabilität des am-Progressivs in der Standardsprache nicht uneingeschränkt gilt. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Regionale Herkunft
Der am-Progressiv ist in der Alltagssprache heute immer noch regional gefärbt. So ist dem digitalen Atlas zur deutschen Alltagssprache (atlas-alltagssprache.de) zu entnehmen, dass eine Äußerung wie Sie ist noch am Schlafen vor allem in Westmitteldeutschland und in der Schweiz üblich ist (rote Punkte in Abb. 2 ). Je weiter von diesen Regionen entfernt, desto unüblicher ist sie (gelbe und blaue Punkte). Dies trifft auf den Großteil des deutschsprachigen Gebiets zu.
Die grammatikografische Akzeptanz
Aufgrund seiner regionalen Färbung findet der am-Progressiv nur zögerlich Eingang in die Grammatiken, ebenso ist der Weg in die geschriebene Standardsprache steinig. Erstmals wird die...

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