11. – 13. Schuljahr

Ursula Bredel

Wer pflegt eigentlich die deutsche Sprache?

Normative und deskriptive Perspektiven auf grammatische Zweifelsfälle

Heißt es Ende diesen Jahres oder Ende dieses Jahres? Ein Textvergleich offenbart verschiedene Umgehensweisen mit grammatischen Zweifelsfällen .

Auf die Frage, ob es Ende dieses Jahres oder Ende diesen Jahres heißt, kann es verschiedene Antworten geben. Die einen meinen es zu wissen: Meist wird dann Ende dieses Jahres als korrekt ausgewählt und Ende diesen Jahres gilt als falsch. Andere zögern, meinen, man könne wohl beides sagen, sicher seien sie sich aber nicht.
Aus der ersten Antwort spricht eine normative Sicht auf die Sprache: Der Zweifel ist dieser Sicht fremd. Bei sprachlicher Varianz kann es aus normativer Perspektive nur eine richtige Variante geben und eine (oder mehrere) falsche. Und das Wichtigste für den Normierer: Falsch ist immer nur das Deutsch der anderen. Diese, so mutmaßt er, hätten den sprachlichen Schlendrian einziehen lassen und trügen so zum ohnehin unabweislichen Sprachzerfall bei. Aus der zweiten Antwort spricht eine deskriptive Sicht auf die Sprache: Bei sprachlicher Varianz kommt der Antwortende ins Zögern, wägt die Varianten gegeneinander ab und kommt zu keinem Ende. Denn oft sind dem Zweifler die Gründe für den Zweifel nicht bekannt; festlegen will er sich aber nicht.
Wer sich bei solchen Fragen jedoch an verbindlichen Normen orientieren will, wird enttäuscht: Es gibt für das Deutsche keine Instanz, die festlegen würde, was richtig und was falsch ist. Nur die Rechtschreibung ist verbindlich festgeschrieben, die Grammatik ist es nicht. An die Stelle einer verbindlichen Normierungsinstanz treten Sprachwissenschaftler, Schulgrammatiken, Sprachberatungen oder Sprachratgeber, die jeweils ihre eigene Sicht auf grammatische Richtigkeit entfalten. Aufgrund dieser Vielfalt ist es von außerordentlicher Relevanz, sich in den verschiedenen Angeboten orientieren zu können.
Bastian Sick und das Institut für Deutsche Sprache (IDS)

Bastian Sick und das Institut für Deutsche Sprache (IDS)
Bastian Sick (* 17. Juli 1965 in Lübeck) ist ein deutscher Journalist, Autor und Entertainer. Er wurde vor allem als Verfasser der sprachpflegerischen Kolumne Zwiebelfisch bekannt. Daraus entstand auch die Buchreihe Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, die zum Bestseller wurde. In dieser Reihe sind von 2004 bis 2015 bislang sechs Bände erschienen .
Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim ist eine Stiftung des bürgerlichen Rechts, die sich der Sprachforschung widmet und die deutsche Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte erforscht und dokumentiert. Forschungsgegenstand der Abteilung Grammatik sind die grammatischen Strukturen der deutschen Gegenwartssprache. Auf modernen theoretischen und methodischen Standards der germanistischen Linguistik aufbauend, wird einerseits kontrastiv-typologisch, andererseits korpusorientiert gearbeitet .
Intentionen
Die vorliegende Unterrichtseinheit regt dazu an, verschiedene Positionen auf sprachliche Zweifelsfälle kennenzulernen und zu analysieren. Es geht also nicht darum, die Frage nach Richtig oder Falsch abschließend zu klären; die Perspektive liegt vielmehr darauf, wie Gesellschaftsmitglieder mit dieser Frage umgehen. Dabei reflektieren die Schülerinnen und Schüler auch ihre eigene Position auf sprachliche Zweifelsfälle und setzen sich mit den Positionen ihrer Mitschüler auseinander. Außerdem gewinnen sie Kriterien zur Einschätzung verschiedener Sprachratgeber (z.B. argumentative Klarheit, (auch historische) Erklärungen, Umgehensweise mit Anderssprechenden, Selbstinszenierungspraktiken).
Praktiken der Sprachratgeber: Bastian Sick und das IDS
Im vergangenen Jahrzehnt hat ein Sprachratgeber besondere Popularität erlangt: Bastian Sicks Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod ist mittlerweile in Serie gegangen. Nach dem ersten großen Erfolg von 2004 ist 2015 die 6. Folge erschienen....

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