3. – 5. Schuljahr

Björn Laser & Susanne Riegler

Pizzas, Pizzen, Pizze

Pluralvarianten als Anlass für grammatische Erkundungen

Substantive haben in der Regel nur eine Pluralform. Fälle, in denen verschiedene Mehrzahlformen nebeneinander stehen, irritieren und sollen es auch, denn diese Irritation kann zu einem tieferen Verständnis führen, zu Einblicken in den Sprachwandel und zur grammatischen Nutzung des Wörterbuchs .

Das Pluralsystem des Deutschen ist nicht regellos, aber komplex: Substantiven stehen fünf Endungen zur Bildung der Mehrzahl zur Verfügung (-e, -n, -en, -er, -s). Außerdem gibt es die Möglichkeit des endungslosen Plurals, und in manchen Fällen tritt ein Umlaut auf (vgl. Duden 2016, § 278). Welche Pluralform gebildet wird, lässt sich mit Grund- und Zusatzregeln erfassen (ebd.) die mit gutem Grund in der Schule nicht behandelt werden. Erworben werden die Pluralformen von Substantiven weitgehend als Einzelfälle.
Nun geht es hier nicht um das Pluralsystem insgesamt oder seinen Erwerb, sondern um Wörter mit Schwankungen in der Pluralbildung. Bei Wörtern deutscher Herkunft kommen Pluralvarianten nur selten vor (vgl. aber z.B. Rosse Rösser oder Scheusale Scheusäler). In vielen Fällen handelt es sich um regional bedingte Varianten (z.B. ist im süddeutschen Sprachraum eher die Pluralform Wägen statt Wagen gebräuchlich).
Bei Wörtern fremder Herkunft hingegen sind Pluralvarianten häufiger zu finden. Das liegt vor allem daran, dass die aus anderen Sprachen entlehnten Substantive sich unterschiedlich stark an das System der Nehmersprache anpassen. Mit Blick auf den Plural lassen sich drei unterschiedliche Integrationsmöglichkeiten unterscheiden (vgl. Wegener 2003, S. 127ff.):
  • Geringe Integration: Die Pluralform der Herkunftssprache wird übernommen, etwa Tortellini aus dem Italienischen oder Antibiotika aus dem Lateinischen.
  • Mittlere Integration: Die Pluralbildung erfolgt durch Addition der s-Endung. Hier wird das Wort nicht verändert. Diese Pluralbildung ist häufig eine Übergangsform.
  • Starke Integration: Die Pluralform endet auf eine Silbe mit Schwa-Laut. Dazu wird der Wortausgang der Herkunftssprache durch die Pluralendung -en ersetzt (z.B. Firma > Firm-en, Museum > Museen) oder die Pluralbildung folgt den Regeln des deutschen Pluralsystems, z.B. indem Maskulina und Neutra den Plural auf -e bilden (die Ventile, die Zirkusse) oder Maskulina auf -er endungslos bleiben (die Computer).
In manchen Fällen werden diese Möglichkeiten parallel genutzt (siehe Abb. 1 ).
Häufig gehen mit den Integrations-varianten stilistische Markierungen einher: Fachlich schreibt man Kommata, im Alltag sind es Kommas. Atlasse und Globusse sind akzeptiert, Kaktusse und Zucchinis allenfalls umgangssprachlich geduldet, und wer von Visas spricht, riskiert eine Sprachbelehrung.
Nicht nur das Pluralsystem des Deutschen ist also komplex: Die Bildung und Verwendung von Varianten sind es, selbst in unserer vereinfachten Darstellung, sicherlich nicht minder. Es stellt sich die Frage, was untere Klassenstufen daran lernen können.
Intentionen
Dieses Unterrichtsmodell zielt nicht darauf ab, dass Lernende die Regeln der Pluralbildung systematisch erfassen. Vielmehr sollen sie den produktiven Nutzen des Zweifels entdecken, und zwar an einem Phänomen, bei dem die Unsicherheit nicht als Defizit erscheint, weil es tatsächlich nicht nur „richtig oder „falsch gibt. Für die Grundschule bietet sich das Thema Pluralvarianten an, denn dass sich Wörter in Einzahl und Mehrzahl unterscheiden, gehört zu den ersten Ansatzpunkten, die Kinder für einen formal-operationalen Zugriff auf Sprache haben. Das Thema ist also (soweit sprachliche „Gegenstände konkret sein können) konkret und greifbar, es lässt sich gut abgrenzen und bietet Möglichkeiten, forschend und entdeckend tätig zu werden.
Im Mittelpunkt des Modells stehen Integrationsvarianten bei Fremdwörtern. Im Vergleich zu heimischen Wörtern findet man hier zum einen...

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