5. – 13. Schuljahr

Astrid Müller & Renata Szczepaniak

Grammatische Zweifelsfälle

dank dem Einsatz oder dank des Einsatzes, die Pizzas oder die Pizzen, buk oder backte? Grammatische Zweifelsfälle begegnen uns überall. Wie die Thematisierung dieser Fälle im Unterricht zu Erkenntnissen über Sprachwandelprozesse, kommunikative Angemessenheit und Form- und Funktionszusammenhänge beiträgt, erläutert der Basisartikel.
Die Ausgangssituation
Was ist richtig: Wegen dem Regen oder wegen des Regens? Dank dem Vorschlag oder Dank des Vorschlags? Steht das Auto gegenüber dem Dom oder gegenüber des Doms? Ich habe früher viel geschwommen oder ich bin früher viel geschwommen? Iss bitte die Suppe! oder Ess bitte die Suppe!? Sie schwamm oder sie schwomm ins Ziel? Lehramtkandidatin oder Lehramtskandidatin? Während des Fluges oder während des Flugs? Der Krake oder die Krake? Ein Tanz mit dem Prinz oder Ein Tanz mit dem Prinzen? Mit gutem französischen Wein oder mit gutem französischem Wein? Zwei Pizzas, bitte! oder Zwei Pizzen, bitte!? Ist Sport gesünder oder gesunder als Rauchen? Hat er gewinkt oder gewunken? Ich segel/segele oder segle im Sommer viel auf der Ostsee?
Beim Verfassen eigener Texte stehen wir häufig vor einer solchen Entscheidung und geraten in Zweifel. Entscheiden müssen wir uns auf jeden Fall und so versuchen wir, die Entscheidung mithilfe unterschiedlicher Operationen wie Analogiebildung, Suche nach einer grammatischen Regel, Re-cherchen im Internet u.Ä. zu treffen. Häufig sind nach einem solchen Problemlöseprozess trotzdem nicht alle Zweifel ausgeräumt und neue an der eigenen Sprachkompetenz können entstehen. Das mag u.a. daran liegen, dass Zweifel im Deutschunterricht aus verschiedenen Gründen keinen guten Ruf haben:
  • Dem Deutschunterricht, insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert, kam und kommt eine wichtige Funktion bei der Standardisierung der deutschen Sprache zu, sodass es in Schulgrammatiken zahlreiche Tendenzen zur Normierung des Sprachgebrauchs gab und gibt. Sprachliche Varianz wird deshalb häufig als Ausdruck eines defizitären Sprachentwicklungsstandes betrachtet (vgl. Banhold 2015). Diese historisch und sprachpolitisch gut erklärbare Entwicklung stellt bis heute eine einflussreiche Tradi-tionslinie für den Deutschunterricht dar. Daraus resultiert, dass viele Sprachverwenderinnen und Sprachverwender davon ausgehen, dass es jeweils nur eine richtige oder zumindest eine richtig gute Variante gibt.
  • Zweifel entstehen im instabilen grammatischen Bereich: Sie werden sowohl von System- oder Normverstößen als auch von zu einem gewissen Zeitpunkt bereits zulässigen Varianten ausgelöst. Eine Grenzziehung zwischen Fehler und zulässiger Variation ist häufig schwer. Deshalb setzen Lehrkräfte und Schulbücher meist Sicherheit vor Vagheit, wenn es zwei Formen gibt. So werden dann grammatisch zulässige Varianten, z.B. wegen dem Wetter, auf derselben Ebene wie Fehler verortet.
  • Der Deutschunterricht ist in weiten Teilen Schriftsprachunterricht, der u.a. die Entwicklung konzeptioneller Schriftlichkeit stützt. Varianten werden im Deutschunterricht folglich häufig allein vor dem Hintergrund schriftsprachlicher Handlungen gesehen, obwohl sie selten eindeutig in eine mündliche und eine schriftliche eingeteilt werden können. Darüber hinaus ist die Orthographie viel stärker kodifiziert als andere grammatische Bereiche, sodass die Vorstellung eines hohen Normierungsgrades auf andere (schrift-)grammatische Bereiche übertragen wird. Das Korrekturverhalten vieler Lehrkräfte ist außerdem in instabilen Bereichen des Sprachsystems eher von sprachlicher Intuition als von sprachwissenschaftlicher Expertise und Aufmerksamkeit gegenüber sprachlichen Veränderungen geprägt.
  • Und nicht zuletzt gilt imSinne einer gelungenen didaktischen Reduktion, dass eine Orientierung am Eindeutigen Einsicht in Strukturen ermöglicht und Verwirrung vermeiden hilft. Häufig mündet diese Orientierung aber im Ausschluss von zulässigen...

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