5. – 6. Schuljahr

Jessica Nowak & Etje Schröder

Das Kräftemessen der Verben

Wie Schwach gegen Stark gewinnen kann

Er backte oder er buk? Schülerinnen und Schüler erkunden Zweifelsfälle bei der Bildung von Präteritum und Perfekt. Dabei geht es weniger um die „richtige Form als um die Gründe für diesen Variantenreichtum .

Die Konjugation starker Verben gelingt kompetenten Sprecherinnen und Sprechern in der Regel mühelos. Bei einer Reihe von Verben wie backen, melken, weben etc. geraten aber auch sichereSprachbenutzer ins Wanken, insbesondere wenn es um die Bildung der Vergangenheitsformen geht: Formen wie ich backte sind inzwischen standardsprachlich anerkannt, während die älteren starken Formen wie ich buk außer Gebrauch kommen; bei melken und weben stehen starke und schwache Formen weitgehend gleichberechtigt nebeneinander, oft auch schon im Partizip (gemolken/gemelkt, gewoben/gewebt). Dieses Nebeneinander starker und schwacher Vergangenheitsformen bei genuinstarken Verben oftmals mit einer klaren Präferenz für die „geschwächten Varianten ist alles andere als willkürlich, sondern folgt bei genauerer Untersuchung einer klaren Systematik (siehe Infokasten ). Von solchen Schwankungen ausgenommen sind überaus gebrauchshäufige Verben, allen voran die unregelmäßigen Verben wie sein, haben, tun und die Modalverben (müssen, sollen).
Die Übergangstendenz einiger starker Verben in die schwache Klasse kann vor allem damit erklärt werden, dass die schwache Tempusbildung einheitlich funktioniert, prinzipiell auf jedes Verb anwendbar und damit einfacher ist: Dem unveränderten Verbstamm wird stets -te (im Präteritum) bzw. -t (im Partizip II) angehängt. Starke Verben funktionieren nicht nur anders, indem sie Tempus im Stamm durch Vokalwechsel ausdrücken (vgl. gewinnen gewann gewonnen), sondern sie haben eine Vielzahl solcher Vokalwechselmuster, die im Einzelnen weder vorhersagbar noch auf neue/andere Verben übertragbar sind (man versuche einmal, Verben wie scannen,simsen, tanzen, grübeln, arbeiten und twittern stark zu bilden).
Intentionen
Um die dargestellte Dynamik im Bereich der Verbflexion zu entdecken, werden Schülerinnen und Schüler in diesem Unterrichtsmodell zu „Sprachforschern und untersuchen, wer in der Welt der Verben das Kräftemessen für sich entscheidet. Ziel der Beschäftigung mit „schwächelnden starken Verben ist es, die Schülerinnen und Schüler zu einem offenen und sprachaufmerksamen Umgang mit Varianten/Variation und grammatischen Zweifelsfällen zu ermutigen. Über verschiedene Operationen (ordnen, vergleichen, bewerten, Vermutungen aufstellen) sollen sie eine entdeckende Haltung gegenüber grammatischen Strukturen und Phänomenen des Sprachwandels einnehmen können. Um die Dynamik sprachlicher Strukturen wahrzunehmen, beschäftigen sie sich sowohl mit starken Verben, deren Flexion stabil ist (finden fand gefunden), als auch mit Verben, deren starke Formen allmählich schwach werden (backen backte (früher buk) gebacken (gebackt)) oder aber den Schwächungsprozess bereits vollständig abgeschlossen haben (bellen bellte (ehem. boll) gebellt (ehem. gebollen)). Sie erkennen, dass Zweifelsfälle nicht als Zeichen von Unwissenheit gewertet werden müssen, sondern in der Herausbildung von Flexionsvarianten vielfach systematische Zusammenhänge zu erkennen sind. Grammatische Varianz muss nicht als willkürliches, wenig greif- und handhabbares Phänomen aufgefasst werden, sondern kann mit Blick auf den (eigenen) Sprachgebrauch systematisch untersucht und in ihrer Entstehung nachvollzogen werden. Dafür werden in allen angebotenen Aufgaben Zugänge zum entdeckenden Lernen geschaffen, sodass sich Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Dimensionen der Variantenentstehung beschäftigen können.
Unterricht
Das Forschungswerkzeug zusammentragen
Zur Beschäftigung mit den hier betrachteten Zweifelsfällen müssen zunächst die Grundlagen geschaffen werden, das heißt sichere Kenntnisse der Verbflexion,...

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