7. – 8. Schuljahr

Kerstin Sonnenwald

Eine Klasse schreibt ein Hörspiel

In dieser Unterrichtseinheit schreiben und produzieren Schülerinnen und Schüler ein Hörspiel. Bei diesem Prozess greifen Schreibförderung, ästhetische Bildung und Medienkunde ineinander.

Mit der vorgestellten Unterrichtseinheit soll das unter Kindern und Jugendlichen verbreitete Interesse für Hörspiele genutzt werden, um Hörszenen zu entwickeln, die die bekannte geschlossene dramatische Struktur hinter sich lassen zugunsten einer postmodernen, performativen Struktur. Sie setzen sich so durch eigenes Tun mit einer aktuellen literarischen Strömung auseinander.1
Es entsteht ein episodisches Hörspiel, wie es in der Geschichte der Gattung seit ihren Anfängen in den 1920er-Jahren dem Ausloten offener, künstlerisch ambitionierter Formen diente: Denn neben der Herausbildung des eher konventionellen, handlungsorientieren Hörspiels versuchen sich immer wieder renommierte Künstler an den experimentellen Möglichkeiten von Hörstücken. Bertolt Brecht, Günter Eich, Friederike Mayröcker oder in jüngerer Zeit Nora Gomringer sind nur wenige Beispiele. Die Unterrichtseinheit knüpft an diese Tradition des Hörspiels an.
Intention
Die postmoderne Form fordert von den Schülerinnen und Schülern eine sprachliche Verdichtung, die ihnen neue ästhetische Erfahrungen ermöglicht und zumutet. Andererseits kommt der für szenische Texte typische Sprachrealismus den Schülerinnen und Schüler entgegen. Um beide Tendenzen wirkungsvoll zu verknüpfen, sind Improvisations-, Schreib- und Überarbeitungsprozesse notwendig. Dazu sind Schülerinnen und Schüler bereit, wenn sie die Themen, die im Hörspiel verhandelt werden, selbst bestimmen dürfen. Eine zu etablierende Feedbackkultur unterstützt diese Prozesse.
Mehr als jede andere Textform lebt der szenische Text von der Performanz. Allein auf dem Papier birgt der szenische Text die Gefahr, in den Augen von Schülerinnen und Schülern leblos zu erscheinen. Wenn jedoch Schreiben und Spielen einander abwechseln, ist diese Gefahr gebannt. Mehr noch: Die Klasse und der einzelne werden gestärkt.
Sehr dicht greifen beim Schreiben und Produzieren eines Hörspiels die Schreibförderung mit ästhetischer Bildung und Medienkunde ineinander.
Das Schreiben und Spielen eines Hörspiels kommt insbesondere Schülerinnen und Schülern entgegen, die bislang keine Theatererfahrung gesammelt haben. Dass sie sich hier nicht mit ihrem Körper in Szene setzen müssen, kann dann wichtig sein, wenn man mit einer heterogenen Klasse arbeitet.
Unterricht
Ideen sammeln (½ Tag außerhalb des Klassenzimmers und 1. Doppelstunde)
Zum Sammeln von Ideen und Themen kann es hilfreich sein, an einem außerschulischen Ort Menschen und Dinge zu beobachten. Die Schülerinnen und Schüler bekommen dafür Beobachtungsaufgaben (Material 1 🔎 ). Als außerschulischer Ort bietet sich z.B. ein Bahnhof oder eine große öffentliche Bücherei an 🔎 .
Die folgenden Unterrichtsstunden finden im Klassenzimmer statt. Während der Einheit werden die Tische und Stühle an die Wand geschoben. So entsteht eine möglichst große freie Fläche, die das kreative Arbeiten unterstützt. Aus demselben Grund ist am Anfang jeder Stunde ein theaterpädagogisches Warm-up sinnvoll (z.B. Hippe, S. 2631; Müller 2003, S. 913).
In der ersten Doppelstunde geht es um die Auswertung der gesammelten Beobachtungen. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten dafür in Gruppen. Jede übernimmt einen Aspekt: 1. Personen, 2. Orte, 3. Gegenstände, Pflanzen, Tiere, Maschinen, 4. Zitate/Aussprüche, 5. Und sonst?
Die Schüler schreiben ihre Stichworte auf Plakate. Dann lesen alle die Plakate und markieren, welche Person, welcher Ort, usw. sie spontan anspricht (stummes Tischgespräch). Die zuständige Gruppe wertet abschließend die Markierungen aus. Die mehrheitlich gewählten Figuren und Dinge bilden das Material für die nächsten Stunden.
Figuren entwickeln
(2. Doppelstunde)
Nun folgt die Figurenentwicklung. Dazu führen die Schülerinnen und Schüler zu der mehrheitlich gewählten Figur ein Rolleninterview durch. Die Regeln des Rolleninterviews müssen klar sein:
  • Fragen beziehen sich auf die Rolle, nicht auf eine bestimmte Situation.
  • Gestellt werden offene Fragen (keine Suggestivfragen, keine Entscheidungsfragen).
  • keine Gesprächssituation, sondern Monolog nach Impulsen
  • Der Hut, der die Rolle markiert, wird nach 34 Fragen weitergegeben.
  • An schon Vorliegendes soll angeknüpft werden.
Die Antworten werden von den Schülerinnen und Schülern knapp protokolliert, damit keine Details verloren gehen.
Die Schülerinnen und Schüler halten anschließend Stichworte zu Szenen fest, die sie auf der Grundlage des Rolleninterviews improvisieren. In der nächsten Stunde schreiben sie zu einer Szene ihrer Wahl einen dramatischen Text (zum Layout von Dialogen z.B. Richhardt 2011, S. 190ff.).
Die so entstehenden Szenen bilden das Rohmaterial für die Weiterarbeit und sind für die Schülerinnen und Schüler eine erste Fingerübung mit dem Genre.
Szenen entwickeln
(3. bis 5. Doppelstunde)
Anschließend werden diese Szenen wie ein Hörspiel inszeniert, um die Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt mit den Eigenheiten der Gattung vertraut zu machen. Dazu gehen sie in kleinen Gruppen zusammen und bringen ihre Szenen in eine für sie sinnvolle Reihenfolge. Sie überlegen, wer welche Rolle wie liest, wo Pausen wie eingebaut, welche Geräusche wie erzeugt werden. Reihum präsentieren die Gruppen ihre Szenenfolge hinter einem Vorhang, der sich ohne großen Aufwand vor aufeinandergestellten Tischen hängen lässt. Die Zuhörer kommentieren, was gut funktioniert und was sie verändern würden. Anschließend stimmen die Schülerinnen und Schüler ab, welche Figuren sie weiterentwickeln möchten.
Dieser Neuansatz ist aus mehreren Gründen empfehlenswert: Erstens entsteht ein größeres Repertoire an Figuren, das Endprodukt wird vielseitiger; zweitens wird das Hörspiel durch eine neue Gruppeneinteilung zu einem echten Gemeinschaftsprodukt, weil jeder Figuren und Settings beisteuert; drittens führt der Neuansatz zu einer Klärung von Themen, insbesondere von heiklen. So ist es gut möglich, dass in den ersten spontanen Szenen verunglimpfende, abfällige Formulierungen enthalten sind. Erfahrungsgemäß werden diese durch Neuansätze von den Schülern selbst entweder herausgefiltert oder soweit verfremdet bzw. ästhetisiert, dass sie nicht mehr bedenklich sind. Viertens können an dieser Stelle weitere Elemente, die die Schülerinnen und Schüler im Einstieg in die Unterrichtseinheit gesammelt haben, integriert werden.
Um Letzteres sicherzustellen, bereitet die Lehrkraft für Fortsetzungsgeschichten unterschiedliche Impulssätze vor, die die anfangs gewählten Orte, Dinge und Aussprüche der Schülerinnen und Schüler aufgreifen. Jeder in der neu zusammengestellten Gruppe erhält einen anderen Impulssatz und setzt den Namen der Figur ein, die er weiterentwickeln möchte 🔎 .
Nach vier Minuten reicht jeder auf Signal das Blatt weiter, liest das bisher Geschriebene und setzt die Geschichte fort. Das geht so lange, bis alle einen Teil von jeder Geschichte geschrieben haben. Die Vorgaben sind: Der Text beginnt mit dem vorgegeben Satz und das Schreiben darf nicht unterbrochen werden. So kann die innere kritische Stimme zum Schweigen gebracht und können kreative Energien genutzt werden.
In der nächsten Stunde entscheidet die Gruppe, mit welcher Fortsetzungsgeschichte sie weiterarbeitet. Diese bildet die Grundlage der endgültigen Szene. Die Gruppe liest die Geschichte der Klasse vor, damit alle die Texte kennen. Anschließend werden sie von der Gruppe in drei Standbildern dargestellt. In jedem Standbild darf jede Schülerin/jeder Schüler einen passenden Satz sagen. Durch diese Satz-Standbilder kommt es automatisch zu einer radikalen Verdichtung und es entstehen ohne große Erklärungen aus den Fortsetzungsgeschichten Szenen mit viel Subtext. Das macht die Szenen interessant. Die Sätze müssen notiert werden, denn in den folgenden Stunden geht es darum, die so entstandenen Kurzdialoge schlüssig zu erweitern.
Hörspiel entwickeln (6. bis 9. Doppelstunde)
Die Schülerinnen und Schüler überlegen in den Gruppen, wie sie ihre Szenen ergänzen möchten, damit ein angedeuteter Plot entsteht. Es kann helfen, sich an die Reaktion der Mitschüler bei der Präsentation zu erinnern: Wenn eine Passage mit Lachern oder mit Betroffenheit kommentiert worden ist, kann sie meist bleiben, wie sie ist mit allen Leerstellen.
In dieser Phase legen die Schülerinnen und Schüler auch die Pausen und Hintergrundgeräusche ihrer Szene fest. Man kann sie ermuntern, zu diesem Zweck die alten Kinderhörspiele anzuhören und sich inspirieren zu lassen. Manche Geräusche auch verfremdende sind leicht selbst herzustellen, zudem bieten kostenlose Geräuschdatenbanken eine große Auswahl zum Herunterladen an (Decker 2014, S. 52 und S. 79) 🔎.
Auch die erweiterten Szenen werden hinter einem Vorhang präsentiert. Möglicherweise ist es hilfreich, manche Szenen in unterschiedlichen Varianten vorzuführen, um zu erkennen, welche die bessere ist (Feedbackbogen: Decker 2014, S. 58).
Es ist zu erwarten, dass die fertigen Episoden zwar unterschiedlich sind, aber mit dem Ort der ersten Ideenfindung oder mit einer der gewählten Figuren eng oder lose zusammenhängen. Darum bietet sich dieser Ort oder diese Figur als Kern einer Rahmenhandlung an. Ob eine inhaltlich stringente Rahmenhandlung oder ein atmosphärisch verdichteter Rahmen die Szenen zusammenhält, muss von Fall zu Fall entschieden werden.
Um einen atmosphärisch verdichteten Rahmen zu einem Ort zu generieren, kann man beispielsweise über den Ort eine Blitzumfrage unter den Schülerinnen und Schülern durchführen und dabei auf die skurrilen Elemente, die spontan genannt werden, besonders achten:
  • Was gibt es in einer Bibliothek?
  • Was suchst du in einer Bibliothek?
  • Was findest du in einer Bibliothek?
  • ...
Antworte spontan!
Die Antworten werden überarbeitet, variiert und mit Geräuschen unterlegt.
Für die Anordnung der Episoden gibt es verschiedene Verfahren: Die Klasse einigt sich; der Lehrer gibt eine Reihenfolge vor oder es wird eine Reihenfolge ausgelost. In der Regel gibt es mehrere reizvolle Möglichkeiten der Anordnung.
Abschließend sammelt die Klasse Ideen für einen Titel, wenn sich nicht bereits einer herauskristallisiert hat. Man kann die Schülerinnen und Schüler z.B. auffordern, markante Figuren und Wörter aus dem Hörspiel zu nennen und damit mögliche Titel auszuprobieren.
Hörspiel aufnehmen (10. Doppelstunde und ein Tag im Tonstudio)
Wenn eine Aufnahme des Hörspiels geplant ist, lässt man einige Zeit verstreichen. Denn erst die Distanz zum eigenen Text ermöglicht eine letzte ertragreiche Überarbeitung. Unter Umständen kann vor der letzten Überarbeitung auch eine konstruktive Rückmeldung vonseiten der Lehrkraft hilfreich sein.
Manche Schulen haben ein eigenes Tonstudio oder ein Tonstudio in der Nähe, das bereit ist, zusammen mit den Schülerinnen und Schülern das Hörspiel aufzunehmen. Die meisten öffentlich-rechtlichen Sender bieten diesen Service an. Dafür muss man sich allerdings viele Monate im Voraus anmelden. Es ist aber auch möglich, die Aufnahme selbst zu bewerkstelligen. Nötig ist ein schallarmer Raum, ein Mikrofon, ein Aufnahmegerät, ein PC und die kostenfreie Software Audacity (Decker, S. 9, 59ff.).
Bei der Aufnahme schlüpfen die Schülerinnen und Schüler je nach Interessen und Begabung in die Rolle von Sprechern, Tontechnikern, Regisseuren. Oft werden bislang unbekannte Talente der Schülerinnen und Schüler sichtbar.
Wenn diese einmal erlebt haben, wie groß der Aufwand für ein fünf- bis zehnminütiges Hörspiel ist, werden sie künftig Hörspiele mit anderen Ohren hören und szenische Texte mit anderen Augen lesen. Ein gelungenes Ergebnis erfüllt sie mit Stolz.
Die Eltern haben einer Veröffentlichung des Hörspiels zugestimmt. Sie finden das Ergebnis hier im Download-Bereich.
Anmerkung
1 Verwiesen sei auf die strukturelle Ähnlichkeit des hier vorgestellten Hörspiels mit der Minihörstück-Reihe „Wurfsendung auf Deutschlandradio-Kultur: http://wurfsendung.dradio.de/wurf
Literatur
Decker, Jan: deutsch.kompetent Praxisleitfaden Hörspielwerkstatt. Stuttgart: Ernst Klett 2014.
Hippe, Lorenz: Und was kommt jetzt? Szenisches Schreiben in der theaterpädagogischen Praxis. Weinheim: Deutscher Theaterverlag 2011.
Müller, Barbara/ Schafhausen, Helmut: 99 Theater-Spiele. Übungen für die theaterpädagogische Praxis. Braunschweig, Paderborn, Darmstadt: Schöningh 2003.
Ohmer, Anja/ Kiefer, Hans: Das deutsche Hörspiel. Vom Funkdrama zur Klangkunst, Essen: Oldib-Verlag 2013.
Richhardt, Thomas: Szenisches Schreiben im Unterricht. Minidramen, Szenen, Stücke selber schreiben. Seelze: Klett/ Kallmeyer 2011.