7. – 8. Schuljahr

Melanie Bangel & Melitta Gillmann

Ist sie oder hat sie den Porsche gefahren?

Wann bilden wir das Perfekt mit sein und wann mit haben? Die Schülerinnen und Schüler gewinnen Einblicke in die Regularitäten bei der Wahl des Hilfsverbs. Sie entdecken, dass in den meisten Fällen kein Zweifel besteht, dass Zweifelsfälle aber durch das Sprachsystem erklärbar sind .

Das Deutsche leistet sich zur Bildung des Perfekts zwei Hilfsverben (sie hat gelacht, aber sie ist gegangen). Bei den meisten Verben ist klar, welches der beiden Hilfsverben benutzt werden muss, doch eine Gruppe von Verben lässt beide zu. Diese Gruppe stellt Sprecherinnen und Sprecher vor eine Wahl, die zu Zweifeln führen kann. Sie ist deshalb sehr gut geeignet, um über die Formenbildung des Perfekts zu reflektieren.
Was steuert die Wahl der Hilfsverben bei der Perfektbildung?
Die grundlegendste Regel der Hilfsverbwahl bezieht sich auf die Transitivität des Satzes: Transitive Sätze (vgl. A in Abb. 1 ) enthalten ein Akkusativobjekt und erfordern immer ein haben-Perfekt, z.B. Sie hat das Auto geholt. Intransitive Sätze (d.h. solche ohne Akkusativobjekt; vgl. B) können ein sein-Perfekt bilden, z.B. Sie ist hingefallen; Der Zug ist angekommen. Dies gilt jedoch nur dann, wenn das Verb telisch ist, d.h. einen Zustandswechsel bezeichnet. In Verbindung mit einem atelischen Verb, d.h. einem Verb, das einen andauernden Zustand oder eine andauernde Aktivität bezeichnet, wird das haben-Hilfsverb gebraucht, z.B. Er hat gelacht/geschlafen (vgl. B 1). Einen Sonderfall stellen Sätze mit Fortbewegungsverben (vgl. B 2) dar, weil sie in der Regel ein sein-Perfekt bilden, z.B. telisch: Sie ist nach Hause gegangen oder atelisch: Er ist langsam gegangen. Hier sind aber Schwankungen möglich.
Wo zeigen sich Schwankungen?
Zu Schwankungen und Zweifeln kommt es vor allem in Verbindung mit Fortbewegungsverben, z.B. schwimmen, reiten, klettern oder skaten. Diese können entweder als Fortbewegung oder als eine andauernde (sportliche) Aktivität bzw. ein Hobby interpretiert werden. Je nachdem bilden sie entweder wie Fortbewegungsverben das sein-Perfekt (1a) oder wie atelische Aktivitäten das haben-Perfekt (1b) 🔎 .
Die Schwankungen zwischen haben und sein sind jedoch auch davon abhängig, ob das Fortbewegungsverb transitiv oder intransitiv gebraucht wird, denn einige Fortbewegungsverben können auch mit einem Akkusativobjekt auftreten (vgl. 2ae 🔎 ). Dabei sind Sätze wie (2a, b) eindeutig transitiv: Das Subjekt (sie) führt willentlich eine Ortsveränderung des direkten Objekts (die Kinder, den Mercedes) herbei. Eine Korpusuntersuchung zeigt, dass vergleichbare transitive Sätze zu 100% ein haben-Perfekt bilden (Gillmann 2016, S. 264305).
Satz (2c) ist hingegen zweideutig: Der Mercedes kann als bewegter Gegenstand verstanden werden. In dem Fall ist der Satz transitiv. Der Mercedes kann aber auch als Instrument für die Fortbewegung interpretiert werden, dann ist der Satz intransitiv. Hier treten Schwankungen auf, wobei das haben-Perfekt häufiger ist (85% vergleichbarer Sätze, siehe Gillmann S. 286291).
Der Satz in (2d) enthält zwar mit ein Rennen ein Akkusativobjekt, ein Rennen ist jedoch nicht der bewegte Gegenstand, sondern liefert eher Zusatzinformationen zum Ereignis fahren. Deshalb liegt hier eher ein intransitiver Satz vor, sodass sich Sprachbenutzer in ungefähr 90% der Fälle für ein sein-Perfekt entscheiden. Eindeutig intransitiv sind Sätze mit inkorporiertem Akkusativ wie (2e). Hier bildet Mercedes fahren eine feste konzeptionelle Einheit: Gemeint ist nicht ein spezifischer Mercedes, vielmehr geht es hier um die Beschreibung einer bestimmten Fahrgewohnheit.
Intentionen
Das Unterrichtsmodell vermittelt Einsicht in das System der Hilfsverbwahl, welches bei der Perfektbildung entscheidend ist. Durch die Erkenntnis, dass transitive Sätze in der Regel ein haben-Perfekt bilden (siehe RegelA, Abb. 1) und Sätze mit Fortbewegungsverben ein sein-Perfekt (siehe Regel B2, Abb. 1), können potenzielle Gründe für Unsicherheiten in Fällen wie Sie hat/ist den Mercedes gefahren gefunden werden. Auf diese Weise lernen die Schüler, dass Zweifel bei der Wahl des Hilfsverbs durchaus berechtigt sind und u.a. etwas mit dem Grad der Transitivität der Sätze zu tun haben.
Unterricht
Verben mit Akkusativobjekt
Als Einstieg und zur Wiederholung bietet es sich an, dass die Schüler Sätze mit Verben bilden, die ein Akkusativobjekt verlangen können. Dafür suchen sie aus folgender Liste jeweils fünf Verben aus und bilden Sätze im Perfekt:
Verbliste 1:
Verbliste 1:
lesen, schreiben, rufen, ansehen, verkaufen, finden, bestellen, putzen, verteilen
Beim anschließenden Vergleich wird überprüft, ob die Sätze alle Akkusativobjekte enthalten bzw. ob diese ergänzt werden können (Ich lese gern Ich lese gern Romane). Im Anschluss erhalten die Schülerinnen und Schüler Verben aus der Liste 2.
Verbliste 2:
Verbliste 2:
(unsortiert vorgeben, hier ist bereits die Lösung abgedruckt)
Verben, die eine Positions- oder Zustandsveränderung bezeichnen:
fallen, aufwachen, einschlafen, verwelken, umknicken, aufstehen, abbrennen, erblühen
Verben, die einen andauernden Zustand/eine andauernde Aktivität bezeichnen:
weinen, schlafen, malen, brennen, blühen, stricken, schwitzen, schreiben
Sie sollen danach geordnet werden, ob sie eine Zustands- bzw. Positionsveränderung beschreiben oder ein andauerndes Ereignis bzw. eine andauernde Aktivität bezeichnen.
Satzstruktur und semantische Eigenschaften
Anschließend kann mit Material 1 erarbeitet werden, inwiefern die Satzstruktur und die semantischen Eigenschaften von Wörtern in Sätzen die Wahl des Hilfsverbs beeinflussen. Die Schülerinnen und Schüler beurteilen Sätze im Perfekt danach, ob sie ein Akkusativobjekt enthalten und ob sie eine Zustands- bzw. Positionsveränderung beschreiben. Bei der Besprechung der Lösungen kann folgende Tabelle entstehen: 🔎
Als Ergebnis wird festgehalten werden:
1) Transitive Sätze bilden immer ein haben-Perfekt (Regel A).
2) Intransitive Sätze bilden ein sein-Perfekt, wenn sie eine Zustands- bzw. Positionsveränderung bezeichnen, und ein haben-Perfekt, wenn sie keine Zustands- bzw. Positionsveränderung bezeichnen (Regel B1).
In einem nächsten Schritt sollen die Schüler mit vorgegebenen Fortbewegungsverben selbst Sätze im Perfekt bilden (Material 2 ). Die Verbliste beinhaltet neben Bewegungsverben, die ohne Akkusativobjekt regulär ein sein-Perfekt bilden (gehen, laufen, kriechen, fliegen, fahren), auch Verben, bei denen sowohl ein sein- als auch ein haben-Perfekt möglich ist (bouldern, reiten, schwimmen, klettern, joggen, skaten). Die gebildeten Sätze werden in einer Tabelle nach dem gewählten Hilfsverb sortiert. Eine Einordnung in beide Spalten ist ebenfalls möglich. Beim Vergleich der Lösungen im Plenum sollten die Sätze, bei denen die Lernenden (oder zumindest einige) sowohl haben als auch sein für die Perfektbildung akzeptiert haben, genauer untersucht werden.
Zweifelsfälle identifizieren
Sollten alle Sätze eindeutig einem Hilfsverb zugeordnet und keine Zweifel geäußert werden, kann das Unterrichtsgespräch dafür genutzt werden, Zweifel anzustoßen. Mögliche Fragen hierfür sind: Bei welchen Sätzen könnte man auch ein haben-Perfekt bilden, ohne dass es falsch klingt? Was zeichnet die Bedeutung der Verben in diesen Sätzen aus? Auf diese Weise entdecken die Schülerinnen und Schüler, dass das Perfekt bei solchen Verben, die im Satzkontext neben einer Fortbewegung auch eine sportliche Aktivität ausdrücken, auch mit haben gebildet werden kann. Als Hausaufgabe können die Lernenden dazu aufgefordert werden, unterschiedliche Personen aus ihrem Umfeld danach zu befragen, mit welchem Hilfsverb sie das Perfekt der im Unterricht als Zweifelsfälle identifizierten Verben bilden würden bzw. in welchen Satzkontexten sie ein haben-Perfekt akzeptieren bzw. bevorzugen würden. Die Umfrageergebnisse können in der darauffolgenden Stunde zusammengetragen und besprochen werden.
In der nächsten Unterrichtssequenz wird zunächst das Ergebnis der letzten Stunde durch die Auswertung der Hausaufgabe gefestigt. Dabei sollten die Begründungen derjenigen, die beide Perfektvarianten akzeptabel finden, thematisiert werden.
Anschließend entdecken die Schülerinnen und Schüler, dass auch bei den Fortbewegungsverben ein haben-Perfekt möglich bzw. die einzig zulässige Variante sein kann (Material 3 ). In der gemeinsamen Auswertung können folgende Beobachtungen zusammengetragen werden:
  • Wenn die Fortbewegungsverben fahren und fliegen nicht in Verbindung mit einem Akkusativobjekt auftreten, ist nur ein sein-Perfekt möglich (Satz 4, 6).
  • Wenn das Akkusativobjekt eine feste Verbindung mit dem Verb eingeht (z.B. Auto fahren), ist ein sein-Perfekt die bevorzugte Variante (Satz 1, 5).
  • Wenn nicht klar ist, ob das Akkusativobjekt der bewegte Gegenstand oder das Instrument der Fortbewegung ist, kann sowohl ein haben- als auch ein sein-Perfekt gebraucht werden (Satz 2, 7).
  • Wenn das Akkusativobjekt eindeutig als bewegter Gegenstand gemeint ist, ist nur ein haben-Perfekt möglich (Satz 3, 8).
Insgesamt gelangen die Schülerinnen und Schüler zu der Erkenntnis, dass die Wahl der Hilfsverben bei der Perfektbildung zwar in den meisten Fällen eindeutig ist, dass es aber Sätze gibt, die sowohl haben als auch sein zulassen. Es kann deutlich werden, dass Zweifelsfälle nicht vom individuellen Sprachempfinden abhängig sind, sondern dass das Sprachsystem für Varianten offen ist und diese gut begründbar sind.
Literatur
Gillmann, Melitta: Perfektkonstruktionen mit haben und sein. Eine Korpusuntersuchung im Althochdeutschen, Altsächsischen und Neuhochdeutschen. Berlin/Boston: De Gruyter Mouton (Studia Linguistica Germanica 128) 2016.
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