9. – 10. Schuljahr

Thomas Hardtke

„Man muss gegen das Böse kämpfen.

Jan Guillous Jugendroman Evil Das Böse im Deutschunterricht

Wie entsteht das Böse, wie entsteht Gewalt? Gibt es legitime Gründe, Gewalt anzuwenden? Evil Das Böse wirft diese Fragen auf, Schauplatz ist ein schwedisches Internat in den 1950er-Jahren.

Schon 1981 veröffentlichte der schwedische Schriftsteller Jan Guillou, der vor allem für seine Spionageromane bekannt ist, den Jugendroman Onsdkan (übersetzt: das Böse). Die deutsche Übersetzung Evil Das Böse erschien erst 2005 anlässlich der für einen Oscar nominierten Verfilmung des Romans und wurde für den Deutschen Jugendbuchpreis vorgeschlagen. „Das Böse begegnet den Leserinnen und Lesern in Gestalt einzelner Figuren, etwa des gewalttätigen Vaters oder des sadistischen Schülersprechers, aber auch als Begriff für Strukturen und Institutionen, die ein Klima der Gewalt erst hervorbringen. Christine Knödler nennt als zentrale Fragen des Romans: „Doch was ist das Böse und wie vernichtet man es, ohne selbst zum Bösen zu werden? Oder, anders gefragt, gibt es ein Ausschalten des Bösen im Guten? Es sind einige der vielen Fragen, die Jan Guillou nicht nur aufwirft, sondern explizit stellt. Und beantwortet, indem er erzählt. (Knödler, S. 123) 🔎
EVIL Das Böse
EVIL Das Böse
Schweden in den 1950er-Jahren: Der 14-jährige Erik Ponti wird von seinem Vater regelmäßig verprügelt. In der Schule setzt Erik selbst Gewalt ein, um seine Machtposition als Anführer einer kriminellen Jugendbande zu sichern. Nachdem er deshalb von der Schule verwiesen wird, erhält er eine letzte Chance: Er wird auf das Internat in Stjärnsberg geschickt. Hier herrscht das Prinzip der Kameradenerziehung. Der Schülerrat unter der Führung des sadistischen Präfekten Otto Silverhielm hält unter dem Deckmantel einer selbstorganisierten Rechtsordnung ein System der Bestrafung und Demütigung am Laufen, das von den gleichgültigen Lehrern toleriert wird. Erik versucht, sich gegen dieses ungerechte System aufzulehnen aber seine Mitschüler haben kein Interesse daran, eine wirklich demokratische und menschenwürdige Schulkultur zu etablieren.
Zum Autor
Jan Guillou wurde 1944 in Södertälje geboren. Er wurde international vor allem durch seine Spionage-Thriller über den schwedischen Geheimagenten Graf Carl Hamilton alias Coq Rouge bekannt.
Figuren des Bösen
Das titelgebende „Böse ist in Guillous Roman als Element sowohl der Figuren- als auch der Rauminszenierung zentral. Einzelne Figuren üben in unterschied-lichem Maß und aus unterschiedlichen Motiven Gewalt aus und fallen dementsprechend entweder in die Kategorie des „Bösen oder aber eben nicht. Der Präfekt Otto Silverhielm, sein Vizepräfekt Gustaf Dahlén und auch Eriks Vater werden von Erik ausdrücklich als „böse bezeichnet, weil sie Gewalt um ihrer selbst willen, also aus purem Sadismus, anwenden. Darüber hinaus sind sie gewalttätig, um ihre eigene Machtposition zu stärken und andere zu unterdrücken. Otto Silverhielms Vorgänger Bernhard hingegen übt Gewalt in Maßen aus aber nicht, um seine eigene Machtposition zu stärken. Er möchte das von ihm als sinnvoll empfundene System der Kameradenerziehung aufrechterhalten. Erik schließlich, der an seiner früheren Schule ebenfalls Gewalt ausübte, um seine privilegierte Stellung innerhalb der Clique nicht zu gefährden, hat eigentlich geschworen, sich nie wieder zu prügeln. Er sieht sich jedoch dazu gezwungen, Gewalt anzuwenden, um das ungerechte System der Kameradenerziehung mit seinen sadistischen Exzessen zu untergraben.
Auffällig ist also, dass in Guil-lous Roman nicht derjenige per se böse ist, von dem Gewalt ausgeht, sondern dass es auch zumindest aus der Perspektive Eriks legitime Formen der Gewalt zu geben scheint. Das spiegelt sich auch in den Gesprächen zwischen Erik und seinem Zimmergenossen Pierre Tanguy wider, in denen die beiden zum einen versuchen, das Wesen des Bösen zu ergründen, und zum anderen darüber diskutieren, wie man damit umgehen soll. Während Erik der Ansicht ist, dass Gewalt nur mit ihrer eigenen Logik zu besiegen ist, glaubt Pierre daran, dass man sich nur gewaltlos gegen das Böse auflehnen kann, um ihm nicht selber zu verfallen.
Das Internat als Raum des Bösen
Das Internat wird im Roman als ein mit der Außenwelt nur lose verbundener Raum inszeniert, in dessen Geschlossenheit sich eine Kultur des Bösen herausbilden kann. Durch das System der Kameradenerziehung und der damit verbundenen Zurückhaltung der Lehrer fehlt es an Erwachsenen, die als moralisch ausgereifte Instanzen die Jugendlichen in ihrer Moralentwicklung unterstützen. Gehorsam und Unterordnung als „Werte sowie Gewalt und Unterdrückung als akzeptable Mittel zu deren Durchsetzung erfahren keine Korrektur. Dabei ist der Mikrokosmos des Internats zugleich ein Miniatur-Schweden, das die feudalen Gesellschaftsstrukturen der 1950er-Jahre ebenso verdeutlicht wie den verqueren Gut-Böse-Dua-lismus des Kalten Kriegs. Eriks Lehrer betonen den Gegensatz zwischen dem „freien Schweden und den „von Russland eroberten Ländern, der Sowjetunion, die als Inbegriff des Bösen dämonisiert wird (Guillou, S. 24). Hier führt Guillou die traditionelle, für die 1950er-Jahre typische, Schwarz-Weiß-Schablone von Gut und Böse vor: Er zeigt, dass das eigentliche Böse keine abstrakte Bedrohung von außen ist, sondern vielmehr das einem nationalistischen, gruppenbezogenen Denken entspringende Kameradschaftssystem das Böse hervorbringt. Indem die Erwachsenen in Guillous Roman das „Böse auf einen äußeren Gegner projizieren, sind sie blind für das Böse im Inneren.
Dietrich Bonhoeffers Ethik des Bösen
Der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (19061945) schrieb zwischen 1939 und 1943 an seiner unvollendet gebliebenen Ethik, deren Fragmente 1949 veröffentlicht wurden. In diesen Texten finden sich Passagen über den Begriff des Bösen und die Ethik des Widerstands, die sich auf Guillous fiktionalen Text anwenden lassen.
Bonhoeffer vertritt zum einen die These, dass die Umwertung ethischer Begriffe ein wesentliches Kennzeichen des Bösen sei (vgl. Material 1 ). Das lässt sich auch auf den Roman übertragen: Die Gewaltherrschaft des sadistischen Schülerrats tritt unter dem Deckmantel einer angeblich fortschrittlichen, die Selbstorganisation der Schüler fördernden Pädagogik auf, während Kritik am Unrecht als kommunistische Propaganda abgetan wird. Zum anderen dient Bonhoeffers aktiver, ethisch reflektierter Widerstand als Interpretationsfolie für die Diskussionen zwischen den literarischen Figuren Erik und Pierre über die Frage, ob man sich dem Bösen nur mit Gewalt oder nur gewaltfrei entgegenstellen kann.
Intention
Die Schülerinnen und Schüler ergründen den Roman hinsichtlich der ästhetischen Inszenierung des Bösen: Sie analysieren einzelne Figuren als Verkörperung des Bösen und untersuchen, wie das Internat als „Raum des Bösen inszeniert wird. Darüber hinaus arbeiten die Schülerinnen und Schüler zentrale Aussagen von Guillous Protagonisten Pierre und Eric über das Wesen des Bösen und die Frage nach dem Umgang damit heraus. Sie setzen diese literarisch vermittelten Thesen mit der Ethik des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer in Beziehung. Indem die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass bei Bonhoeffer theo-retisch modelliert wird, was Guil-lou in einer konkreten Romanhandlung entwirft, können sie die im Roman dargestellten Mechanismen und Wesenszüge des Bösen leichter auf weitere, historische wie gegenwärtige Beispiele beziehen: etwa auf die NS-Zeit, auf die Bonhoeffer in seinen Texten anspielt, oder auf aktuelle, die freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährdende Bewegungen.
Unterricht
Einstieg
Die Schülerinnen und Schüler haben den Roman zu Hause gelesen. Zunächst können Lektüreeindrücke formuliert werden. Anschließend werden wichtige Handlungselemente systematisiert: Zum einen erstellen die Schülerinnen und Schüler eine Zeitleiste zum Roman auch, um Eriks Entwicklung zu verdeutlichen. Zum anderen stellen sie die Strukturen des Systems „Kameradenerziehung schematisch dar, um sich über den institutionellen Charakter der das „Böse hervorbringenden Strukturen klar zu werden.
Die Inszenierung des Bösen im Roman Figuren und Räume
Die Schülerinnen und Schüler erstellen in Gruppen jeweils eine Figurencharakterisierung. Sie arbeiten dabei mit von der Lehrkraft vorgegebenen Textstellen. Indem sie sich textnah mit Eriks Vater (S. 510, 3039, 5057, 441446), dem Präfekten Bernhard (S. 119126, 198209, 246252), seinem Nachfolger Otto Silverhielm (S. 240241, 246257, 287293, 302311, 327330, 338341, 429434) und dessen Stellvertreter Gustaf Dahlén (S. 350356, 411412) beschäftigen, werden ihnen unterschiedliche Motivationen gewalttätigen Handelns deutlich.
Daneben beschäftigen sie sich mit der Figur des Schülers Höken, der durch sein aktives Mitwirken an einer Bestrafungsaktion das „System des Bösen aufrechterhält, ohne es innerlich zu unterstützen. Die Schülerinnen und Schüler schreiben eine aus der Perspektive Eriks dargestellte Szene (S. 337341), in der Höken auf Befehl Silverhielms Erik mit siedendem Wasser verbrüht, in einen inneren Monolog Hökens um. Sie setzen sich dadurch intensiv mit der Figur des nicht aus reinem Sadismus handelnden Mitläufers auseinander.
Zudem untersuchen die Schülerinnen und Schüler Textstellen, in denen es um Eriks eigene Vergangenheit als Gewalttäter geht (S. 1029, 3950, 5881, 8788, 127128). Sie überlegen zum einen, was seine Gewalttätigkeit von derjenigen der Stjärnsberger Schüler unterscheidet. Zum anderen erkennen sie, indem sie die sprachliche Gestaltung der Textstellen analysieren, Eriks betont nüchterne Einstellung zur Gewalt, sowohl in seiner Rolle als Opfer wie auch als Täter.
Abschließend setzen sich die Schülerinnen und Schüler im Unterrichtsgespräch mit der passiven, die Gewalt erst ermöglichenden Rolle der Lehrer kritisch ausein-ander. Dabei wird auch die besondere Bedeutung des Internats als „Raum des Bösen in den Blick genommen.
Das Böse Polyphem versus Otto Silverhielm
Im Mittelpunkt der folgenden Unterrichtsstunden steht das Gespräch zwischen Erik und Pierre über das Wesen des Bösen (S. 270273). Weil sie einen gewalttätigen Angriff der Oberstufenschüler erwarten, verbarrikadieren sie sich in ihrem Internatszimmer. Dabei überlegen sie, inwieweit man die antike Figur des einäugigen Riesen Polyphem aus Homers Odyssee mit dem sadistischen Schülerratsvorsitzenden Otto Silverhielm vergleichen kann und was sich daraus über das Wesen des Bösen ableiten lässt.
Die Schülerinnen und Schüler erfassen anhand des Romanauszugs tabellarisch die Unterschiede zwischen Polyphem und Silverhielm: Polyphem tötet, weil er Hunger hat und sich gegen die Eindringlinge wehren muss, Silverhielm dagegen hat Freude am Quälen. Polyphem reflektiert sein zufälliges Tun nicht, während Silverhielm planvoll vorgeht und seine Entscheidung, Gewalt anzuwenden, ein bewusster Entschluss ist. Polyphem ist dumm, Silverhielm intelligent. Diese Unterschiede lassen Pierre und Erik zu dem Ergebnis gelangen, dass Polyphem im Gegensatz zu Silverhielm nicht als böse bezeichnet werden kann.
In einer von der Lehrperson moderierten Diskussion äußern sich die Schülerinnen und Schüler dazu, ob sie mit den von Erik und Pierre entwickelten Argumenten übereinstimmen. Sie diskutieren außerdem die Erkenntnis Eriks und Pierres, dass das Böse etwas Unbegreifliches ist, dessen Wesen man nicht fassen kann. Denkbar ist, dass die Schülerinnen und Schüler sich davon distanzieren, das Böse als einen abstrakten, nicht greifbaren Begriff aufzufassen, sondern das Böse vielmehr als konkrete moralische Qualität begreifen.
Die Umwertung der Werte Dietrich Bonhoeffer
Die Schüler erhalten einen Einblick in die Biografie von Dietrich Bonhoeffer. Dabei sollten insbesondere der Entschluss Bonhoeffers, aktiv am Widerstand teilzunehmen, sowie seine positive Haltung (trotz seiner pazifistischen Einstellung) zu einem möglichen Attentat auf Hitler Erwähnung finden. Anschließend erarbeiten die Schülerinnen und Schüler anhand von Auszügen aus Bonhoeffers Ethik seine Thesen über die „Umwertung der Werte (siehe Material 1). Sie untersuchen, inwieweit die von Bonhoeffer beschriebenen Mechanismen auch in Guillous Romanhandlung zu finden sind (Material 1, Aufgabe 2). Hier soll vor allem der Euphemismus „Kameraden-erziehung kritisch reflektiert werden. Die Schülerinnen und Schüler verorten Bonhoeffers Thesen im historischen Entstehungskontexts des Dritten Reichs, wenden sie aber auch auf andere historische oder gegenwärtige Situationen an (Material 1, Aufgabe 3).
Wie kann man gegen das Böse ankämpfen?
„Wenn ein Wahnsinniger mit dem Auto durch die Straßen rast, kann ich als Pastor, der dabei ist, nicht nur die Überfahrenen trösten und beerdigen, sondern ich muss dazwischen springen und ihn stoppen, ich muss dem Rad in die Speichen fallen, lautet ein Dietrich Bonhoeffer zugeschriebenes Zitat. Ähnlich heißt es in Jan Guillous Roman: „Man muss gegen das Böse kämpfen. Man muss es immer tun, man kann nicht sagen, man tut es nur ab und zu, wenn man hier und jetzt in Stjärnsberg ist (Guil-lou, S. 314). Während Erik der Gewalt mit ihrer eigenen Logik begegnet, ist Pierre der Meinung, man könne dem Bösen nur Gewaltlosigkeit entgegensetzen.
Die Schülerinnen und Schüler werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe sammelt Argumente für Pierres Ansicht, die andere für Eriks. Sie orientieren sich dafür zum einen am Roman, indem sie entsprechende Stellen gründlich bearbeiten (S. 127129, 164168, 215221, 311315, S. 375379). Zum anderen entwickeln sie eigene Begründungen und ziehen selbstgewählte, historische oder aktuelle Beispiele hinzu.
Um die Positionen Eriks und Pierres zu plausibilisieren oder kritisch zu hinterfragen, können die Schülerinnen und Schüler zudem alternative Handlungsoptionen entwickeln: Welche gewaltfreien Möglichkeiten hätte Erik gehabt, um das Gewaltsystem der Kameradenerziehung zu subvertieren? Dafür eignen sich folgende Stellen des Romans: Eriks Kampf im Karo (S. 142157), seine Kübelattacke auf Otto Silverhielm (S. 283285), seine Angriffe auf die Ratsmitglieder (S. 396f., 411f., 429434), sein geplanter Angriff auf den Vater am Ende des Romans (S. 444446).
Literatur
Bonhoeffer, Dietrich: Ethik. Gütersloh: Kaiser, 1998.
Guillou, Jan: Evil Das Böse. Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2011.
Knödler, Christine: „Wenn Gewalt Schule macht. Anmerkungen zu einem dunklen Kapitel an einer Institution der Aufklärung. In: Thomas Zabka (Hrsg.): Schule in der neueren Kinder- und Jugendliteratur. Baltmannsweiler-Hohengehren: Schneider, 2008. S. 117133.