Praxis Deutsch-Blog

Lyrisches Sprechen in der globalisierten Welt„Ich schluckte einen eisernen Mond“

Vielfalt lyrischen Sprechens ist ein fester Bestandteil des Deutschunterrichts in der Oberstufe und als Abituraufgabe gut einzuüben. Aber „Lyrik nervt“ und aus Schüler*innenperspektive erscheinen Liebeslyrik, Farbmotive, Jahreszeiten und immer wieder Großstadtlyrik möglicherweise überhaupt nicht so vielfältig. Was Lyrik heutzutage leisten kann, zeigt ein Gedicht von Xu Lizhi, das von der aussichtslosen Tristesse eines chinesischen Fabrikarbeiters erzählt.

 

Moderne Lyrik aus China

Xu Lizhi schafft kraftvolle Lyrik, die das Elend des Alltags vieler chinesischer Fabrikarbeiter einfängt. Foto: Marko Lovric/Pixabay CC0 Creative Commons

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Der Textkanon motivverwandter Lyrik stellt sich recht übersichtlich dar: Georg Heyms „Die Stadt“ und Alfred Wolfensteins „Städter“ sind wie gute alte Bekannte. Und Wiedersehen macht Freude, denn gerade die Themen des Expressionismus sind für jugendliche Schüler*innen, die Heym, Wolfenstein, Boldt und Co. in verschiedenen Jahrgängen begegnen können, häufig spannend und lebensnah: Großstadterfahrung, Ich-Gefährdung und Individualisierung, die als Vehikel für Kritik an gesellschaftlichen Tendenzen und Prozessen fungieren. Gesellschaftliche Prozesse und Tendenzen, die Anknüpfungspunkte bieten. Georg Heym beschreibt den ewig stumpfen Ton „von stumpfen Sein“, der sich mit einem ins Räderwerk der Fabrikarbeit geratenen Charlie Chaplin („Moderne Zeiten“) passend visualisieren lässt und uns kommt dies alles seltsam bekannt und fremd zugleich vor. Denn dass die Industrialisierung nicht weltweit zeitgleich verlief und verläuft, kann ein zeitgenössisches Gedicht aus China zeigen. Dies eröffnet auch eine Perspektive auf den Zusammenhang von Literatur/Kunst und gesellschaftlichen Prozessen, die maßgeblich durch die Gestaltung der Arbeitswelt mitbestimmt werden. Überspitzt gefragt: Kann sich eine kunsthistorische Epoche wie der Expressionismus im globalisierten Zusammenhang an anderem Ort und anderer Zeit wiederholen?

 

„Haben Sie 'Moderne Zeiten' von Charlie Chaplin gesehen? Das sind wir, hier und jetzt.“

In Shenzhen, gelegen im chinesischen Perlflussdelta, werden in den „Foxconn-Werken“ bis heute Spielekonsolen, Computer und iPhones hergestellt. Xu Lizhi war einer jener chinesischen Wanderarbeiter, die für den Elektronikkonzern am Fließband Apple-Produkte herstellte. In seiner Freizeit verfasste er Gedichte darüber und mit nur 24 Jahren nahm er sich das Leben.[1]

Eines seiner Gedichte hat die Süddeutsche Zeitung im Rahmen einer Reportage 2015 zum ersten Mal in deutscher Übersetzung abgedruckt:

 

Ich schluckte einen eisernen Mond (2013)

Von XU LIZHI

01 Ich schluckte einen eisernen Mond

02 Sie nennen es eine Schraube

03 Ich schluckte die Fabrikabwässer

04 Die Arbeitslosenpapiere

05 Die Jugend, vor die Maschinen gebückt

06 Stirbt vor ihrer Zeit

07 Ich schluckte die Schufterei

08 Ich schluckte das verrostete Leben

09 Jetzt kriege ich nichts mehr runter

10 Alles, was ich geschluckt habe

11 Quillt aus meinem Rachen hervor

12 Ergießt sich über dem Land meiner Vorfahren

13 In ein schändliches Gedicht.

 

Unterrichtsidee

Entmenschlichung in der industrialisierten Arbeitswelt, eine düstere und bedrohliche Stimmung in freiem Rhythmus und Versmaß. Ein inhaltlich dichtes Werk, in dem deutlich wird, dass ein lyrisches Ich versucht den erdrückenden Arbeitsalltag zu verarbeiten, indem am Ende die negativen Eindrücke als „ein schändliches Gedicht“ aus dem Rachen des lyrischen Sprechers hervorquellen. Die Themen und Motive erinnern stark an jene des Expressionismus, die uns plötzlich wieder ganz nah zu sein scheinen. Möchte man sich und seinen Schüler*innen die Frage stellen, was Lyrik heute leisten kann, so kann Lizhis Gedicht Antwortmöglichkeiten eröffnen, die über den bloßen Eindruck eines diffusen „sich-in-der-Gesellschaft-Verloren-Fühlens“ hinausgehen, das vielen modernen Stadtgedichten inhärent ist.

Einen Versuch der Didaktisierung, der Xu Lizhis Biographie aufgreift, die es nahe legt, mehrere Kontexte zu berücksichtigen und „im Rahmen einer kohärenten Textauslegung miteinander zu verbinden“[2] finden Sie im Link.

Das angebotene Material eignet sich für den Oberstufenunterricht. Im Rahmen einer Einzelstunde können die Materialien in einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit erschlossen werden (siehe Aufgabenvorschlag). Es ist aber lohnenswert etwa mehr Zeit auf den Text zu verwenden. Gerade am Ende einer Einheit zum Thema Lyrik bietet der Text großes Potenzial die Funktion von Lyrik zu diskutieren und mithilfe der Vertiefungsimpulse eigenes Handeln und damit auch die Wirkungskraft von Lyrik zu reflektieren. Der Text selbst ist jedoch auch für die Mittelstufe geeignet. Hierzu kann das Material durch didaktische Einhilfen und Vorentlastungen entsprechend angepasst werden.

 


[1] Siehe Strittmaier, Kai. Der Sprung. Süddeutsche Zeitung. Nr. 139, 20./21. Juni 2015. Buch Zwei, S. 11-13.

[2] Stark, Tobias. Frühling 1946. Gedichtinterpretation mit dem Schwerpunkt einer komplexen Kontextualisierung. In: Praxis Deutsch. Interpretationsaufgaben stellen. Friedrich Verlag. Juli 2012. S. 42.

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